|
|
Jüdische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück, 1939-1945
Buchbesprechung
Mit Linde Apels Dissertation über "Jüdische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück, 1939-1945" liegt das erste Ergebnis des von der German-Israeli-Foundation (GIF) geförderten Forschungsprojektes "Victims and Survivors. Jewish Women in Ravensbück" in Buchform vor. Die Frage, "wer die Frauen waren, die als jüdische Häftlinge im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert wurden," (S. 7) wird in dieser Arbeit in einer bislang einzigartigen Komplexität entfaltet. Gegliedert ist die Arbeit in fünf Teile, die sich im Einzelnen den Deportationswegen, Haftbedingungen, Handlungsräumen, der Zwangsarbeit und der Vernichtung dieser jüdischen Frauen widmen.
Zunächst werden die wegen sog. "politischer" Vergehen oder wegen "Rassenschande" in sog. "Schutzhaft" genommenen jüdischen Frauen und die sog. "Mischlinge" vorgestellt, die in den Jahren 1939 bis 1942 in Ravensbrück eingeliefert wurden und fast alle im Rahmen der Aktion "14f13" vernichtet wurden. Ihnen werden "Mischlinge" aus dem deutschen Widerstand und Jüdinnen aus neutralen und mit Nazideutschland verbündeten Staaten gegenübergestellt, die ab 1943 nach Ravensbrück eingeliefert und nun nicht mehr nach Auschwitz deportiert wurden und deutlich bessere Haftbedingungen in Ravensbrück genossen. Die mit Abstand größte Gruppe jüdischer Frauen wurde schließlich ab Sommer 1944 aus den geräumten Gebieten Polens und der Sowjetunion und aus Ungarn nach Ravensbrück deportiert. Von ihnen fanden die vor November 1944 nach Ravensbrück deportierten Frauen noch im Vergleich zu Auschwitz bessere Bedingungen vor. Die ab November 1944 nach Ravensbrück deportierten Jüdinnen mussten jedoch die grauenhaften Bedingungen in dem Zelt, in dem sie zusammengepfercht wurden, erleben, in dem sie "wie die Fliegen" starben.
Diesen vor allem auf Selbstzeugnissen rekonstruierten Haftbedingungen stellt Linde Apel das Bild der Jüdinnen in der Überlieferung nichtjüdischer Häftlinge gegenüber, das sie dahingehend kritisiert, dass in ihm die Jüdinnen oft aus großer Distanz meist nur als hilflose Opfer wahrgenommen werden. Wenn sie dabei zu Recht auf einige verschwiegene Leerstellen in den Texten hinweist, überzieht sie mitunter auch die Kritik gerade dann, wenn sie den Autorinnen jegliches Mitgefühl mit den Jüdinnen abstreitet.
Der spannendste Abschnitt des Buches ist zweifellos derjenige über Handlungsräume von Jüdinnen im KZ, in dem Apel illegale künstlerische und politische Veranstaltungen sowie Widerstandsaktionen wie Sabotageakte und das Verstecken von zum Tode verurteilten Jüdinnen beschreibt. Dieser Teil hätte, ebenso wie derjenige über jüdische Funktionshäftlinge (der leider zu stark deren Selbstsicht reproduziert), stärker in den Mittelpunkt der Arbeit gestellt werden können.
Etwas zu akribisch werden hingegen anhand der Arbeitseinteilungslisten die einzelnen Arbeitskommandos von Jüdinnen in den Jahren 1941-1942 rekonstruiert, wobei deutlich wird, dass sie nicht immer in den härtesten und von anderen Häftlingsgruppen abgesonderten Kommandos arbeiten mussten. Die Arbeitsbedingungen jüdischer Frauen in sechs Außenlagern handelt Linde Apel allein im Vergleich zu Ravensbrück etwas knapp ab.
Einen wichtigen Platz nehmen schließlich die Vernichtungsaktionen ein. Aus Gestapo-Akten kann Apel dabei eine Reihe von bislang unbekannten Originaldokumenten mit dem Kürzel "14f13" vorlegen, die die Ermordungen im Rahmen dieser Vernichtungsaktion belegen. Zum zweiten unterstreicht sie, dass nach dem Himmler-Befehl im Oktober 1942, die "reichsdeutschen" KZs "judenfrei" zu machen, Jüdinnen aus Ravensbrück massiv nach Auschwitz deportiert und dort vergast wurden. Als Drittes beschreibt sie schließlich die Vernichtung "alter", "kranker" und "geschwächter" Frauen in Ravensbrück ab Januar 1945, von der Jüdinnen stärker als andere Gruppen betroffen waren.
Am Ende ihrer Untersuchung relativiert Apel die zuvor immer wieder betonten Ausnahmen, bei denen die Zielvorstellung der Nationalsozialisten, die jüdische Bevölkerung Europas zu vernichten, nicht im Vordergrund stand. Sie werden als "quantitativ marginal" (S. 356) bezeichnet, aber nicht wirklich erklärt. Sie hätten vielleicht besser verständlich gemacht werden können, wenn Apel die Wahrnehmung der Täterinnen und Täter stärker in den Vordergrund gestellt hätte, um die zeitlich und individuell sehr unterschiedlichen Zielsetzungen, Interessen und Motive deutlicher erkennbar zu machen. Apels vor allem aus der Perspektive der Opfer geschriebene Gesamtdarstellung jüdischer Frauen in Ravensbrück bildet dennoch wegen der quellennahen und detailgenauen, zeitlichen und gruppenspezifischen Differenzierung ein unverzichtbares Grundlagenwerk für die weitere Erforschung der Verfolgung und Vernichtung jüdischer Frauen im nationalsozialistischen Deutschland.
Johannes Schwartz (Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück)
Linde Apel, Jüdische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück 1939-1945,
Metropol Verlag, Berlin 2003, 424 Seiten.
|