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"Heute reden wir mal nicht darüber"
Portrait Irmgard Konrad
"Heute
reden wir nicht darüber", sagte Irmgard Konrad oft zur Begrüßung,
wenn sie eine von uns "jungen Frauen" in ihrer Wohnung in Berlin-Treptow
empfing. "Darüber", damit meinte sie vor allem Auschwitz,
wo sie ein Jahr lang von Herbst 1942 an zubringen musste, dessen Überleben
ihr selbst "wie ein Wunder" vorkam. "Darüber",
das hieß auch: Ravensbrück von Ende 1943 bis April 1945, dort
Zwangsarbeit für Siemens, dann der Todesmarsch.
"Darüber" hätten wir gern noch mehr von ihr gehört,
natürlich. Auch darüber, wie sie sich bereits als Jugendliche
dem aufkommenden Faschismus entgegenstellte, ihr Ideal einer gerechten
Welt im Sozialistischen Jugendverband (SJV) Gestalt annahm, sie "ihren
Fritz" kennen und lieben lernte. Aber längst nicht nur das.
Es hätte noch so viel zu erzählen, zu diskutieren, gemeinsam
zu erleben und zu singen gegeben. Das geht nun nicht mehr. Irmgard Konrad
starb in der Nacht vom 7. auf den 8. November, kurz vor der Vollendung
ihres achtundachtzigsten Lebensjahres.
Manchmal gelang es Irmgard, nicht über ihre Erfahrungen von 1933
an zu reden. Dann zwinkerte sie beim Abschied und sagte: "Siehst
Du, es geht doch." In den vergangenen Jahren hatte sie sich sogar
des öfteren vorgenommen, kürzer zu treten, nicht jeden Interviewwunsch
zu erfüllen, nicht jeder Bitte um Begleitung einer Schulklasse in
Ravensbrück nachzukommen. Weil die Erinnerung sie nächtelang
nicht zur Ruhe kommen ließen.
Weil sie es hasste, auf den Status "Überlebende" reduziert
zu werden. Weil sie ihre zuweilen unbändige Lebenslust gern einmal
ohne den ewigen Schatten der Vergangenheitsschmerzen genossen hätte.
Länger als ein paar Tage dauerten ihre Vorsätze selten. Gerade
jungen Menschen wollte Irmgard mitteilen, was Faschismus bedeutete - in
dem festen Glauben, nur so das auf vielen Gedenkfeiern ausgesprochene
"Nie wieder" Wirklichkeit werden zu lassen.
Geboren wurde Irmgard am 14. November 1915 in Breslau. Ihr Vater, Georg
Adam, ein Mechaniker, war Jude. Ihre Mutter Margarete, ein Dienstmädchen,
nahm bei der Hochzeit seinen Glauben an. Dieser spielte auch nach dem
Tod von Irmgards Vater 1924 eine wichtige Rolle im Familienleben. Eine
noch wichtigere, so hat Irmgard stets betont, spielte für sie, ihre
Schwester und ihre drei Brüder das frühe Engagement in der Arbeiterjugend.
Zunächst in der sozialdemokratischen Organisation "Arbeiterkinderfreunde",
dann bei den Roten Falken, schließlich im SJV und in der Sozialistischen
Arbeiterpartei. In der Arbeiterjugend fand sie auch Fritz Konrad, ihre
große Liebe und späteren Ehemann. Nach der Schule verdiente
Irmgard ihren Lebensunterhalt zunächst als Hilfsarbeiterin, später
arbeitete sie in einem kleinen Buchladen. Schon Anfang der 30er Jahre
versuchten Irmgard und ihre Genossinnen und Genossen, sich dem auch in
Breslau rapide ausbreitenden Nationalsozialismus entgegenzustellen. Warnende
Flugblätter wurden verteilt, erste Auseinandersetzungen mit der SA
deuteten ihnen schon damals den gewalttätigen Charakter des von viel
zu vielen geduldeten oder getragenen späteren Regimes an.
Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten setzte Irmgard
ihre politische Arbeit fort; engagierte sich in der "Roten Hilfe",
wurde 1933 erstmals von der Gestapo verhaftet. Wegen Fritz blieb sie in
Breslau, als ihre Geschwister und ihre Mutter dem bereits 1928 ausgewanderten
ältesten Bruder Georg nach Frankreich folgten.
Nach der NS-Rassenideologie galt Irmgard als Halbjüdin. Den allmählich
jeden noch so kleinen Winkel des Alltags besetzenden Antisemitismus bekam
Irmgard nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 am eigenen Leib
und Geist zu spüren. Die Arbeit wurde ihr gekündigt, Fritz konnte
sie nur noch heimlich besuchen. "Besonders demütigend"
sei es gewesen, ab 1941 den gelben Stern tragen zu müssen, erinnerte
sich Irmgard. Fritz stand zu ihr. "Mädel, ich trag den Stern
mit", zeigte er sich solidarisch. Irmgards Gefährte tauchte
kurz darauf unter, wurde festgenommen und nach einer Zuchthausstrafe im
Herbst 1942 als politisch Verurteilter ins Strafbataillon 999 der Wehrmacht
eingezogen.
Auch Irmgard wurde verhaftet. Aus dem Breslauer Gefängnis deportierten
sie die Nazis zusammen mit politischen Gefangenen in einem Personenzug
nach Auschwitz-Birkenau. Geistesgegenwärtig warf sie auf der Fahrt
den gelben Stern weg und kam in Auschwitz-Birkenau als Häftling Nr.
31514 auf den Block der deutschen Politischen. Da ihr Schutzhaftbefehl
auf den Namen "Irmgard Sara Adam" ausgestellt war, musste sie
in der ständigen Todesangst leben, entdeckt zu werden. "Ich
war nicht mehr ich. Ich habe alles mit wachen Sinnen erlebt, aber mein
früheres Leben war weg. Fritz vergessen, die Familie vergessen. Es
zählte nur noch der Tag, der nächste Moment", schrieb sie
über das Grauen. Bald nach ihrer Ankunft erkrankte Irmgard an Typhus.
Dank der Hilfe der slowakischen Ärztin Margita Schwalbová auf dem
"Revier" konnte sie der Selektion entgehen. Inzwischen war der
Schutzhaftbefehl in Auschwitz angekommen. Die Suche des SS-Personals nach
"Irmgard Sara Adam" verlief auch deshalb ergebnislos, weil Mithäftlinge
sie zunächst als Pflegerin auf der Krankenstation, dann als Blockälteste
im Block 24 für an Typhus erkrankte und schwangere Frauen deckten.
Mit dem so genannten Mischlingstransport gelangte Irmgard im Spätherbst
1943 ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, wo sie für
Siemens Zwangsarbeit leisten musste. Trotz der Schikanen habe sie dort
wieder zu sich selbst gefunden, hat sie berichtet. Die Hoffnung auf ein
nahendes Kriegsende gab ihr neue Energie.
Ihre Befreiung erlebte Irmgard auf dem Todesmarsch in Mecklenburg. Mit
einem Heimattransport ehemaliger französischer Kriegsgefangener machte
sie sich auf nach Frankreich, um ihre Familie zu suchen. Schmerzlich traf
es sie, als eine frühere Mitgefangene plötzlich kein Wort mehr
mit ihr sprach, nachdem sie erfahren hatte, dass Irmgard Deustche ist.
Dabei schien es damals für Irmgard, die Auschwitz überlebt hatte,
unvorstellbar, "wieder unter Deutschen zu leben".
Von ihrer Familie hatten nur ihr Bruder Georg und ihre Schwester Helen
die Zeit des Nationalsozialismus überlebt, die allerdings schon 1947
an Tuberkulose starb. Irmgard fand Arbeit in einer Fabrik, ihre freie
Zeit nutzte sie, um Fritz zu suchen. Über den Suchdienst des Roten
Kreuzes bekam sie schließlich den Hinweis, dass dieser im Kriegsgefangenenlager
in Tunesien interniert war. Anfang Mai 1947, fast fünf Jahre nach
ihrem letzten Kuss, konnten sich die beiden endlich in der Nähe von
Avignon in die Arme schließen. "Da habe ich das Lachen wiedergelernt",
erzählte Irmgard einmal. Auf Drängen von Fritz, dessen Eltern
inzwischen in Leipzig wohnten, kehrte das Paar im November 1947 zurück
nach Deutschland. Irmgard und Fritz heirateten am 31.1.1948, im selben
Jahr kam ihre Tochter Monika, gut fünf Jahre später ihr Sohn
Wolfgang zur Welt. Sie blieb politisch aktiv, engagierte sich für
die Opfer des Faschismus, betrachtete es als ihre Pflicht, aufzuklären
über die Wurzeln des Nationalsozialismus. Ohne sie hätten vermutlich
kaum so viele Frauen der dritten Generation den Weg in die Lagergemeinschaft
Ravensbrück/Freundeskreis e.V. gefunden.
Sie gehörte der SED an und trat auch nach der Wende 1989 nicht aus
der PDS aus. Seit 1981 lebte Irmgard in Berlin. Schwere Krankheiten machten
zahlreiche Operationen notwendig. Die Dauer ihrer Krankenhausaufenthalte
summierte sich auf insgesamt mehr als drei Jahre. Geklagt hat sie selten.
Viel lieber pflegte sie zu sagen: "Wo viel Schmerz ist, ist auch
viel Freude."
Monika Hinner
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