|
|
"Wo viel Schmerz ist, ist auch viel Freude"
Zum Tod von Irmgard Konrad
Der Tod von Irmgard Konrad hat uns sehr getroffen. Irmgard war uns und unserer Arbeit sehr verbunden. Sie hinterlässt eine große Lücke und wird uns fehlen.
Das redaktionsteam
Für Irmgard
Eigentlich hat Irmgard den ersten Schritt getan. Nach einer schwierigen Plenumssituation 1996 in Freudenstadt war sie es, die auf uns zu ging, um mit den "jungen Frauen" weiterzureden. Mich hat diese kluge und warmherzige Frau gleich berührt, die so komplex dachte und differenziert argumentierte und auch Gefühle, Zweifel und Selbstzweifel nicht aussparte.
Sie konnte wunderbar erzählen von ihrer Jugend in Breslau, ihren Geschwistern, ihrer Mutter, die verwitwet fünf Kinder durchzubringen hatte, ihrer Jugendorganisation und dem Beginn ihrer Liebe zu Fritz. An vielen Tagen sprach sie auch über ihre Zeit in Auschwitz, ihre Verzweiflung und ihre Freundschaften dort. Über Ravensbrück, die Befreiung. Wie sie nur noch weg wollte von Deutschland und es schaffte nach Frankreich zu kommen. Wie sie dort noch mal interniert war, bis französische Kameradinnen für sie bürgten. Und wie sie Fritz wiederfand, der zu den 999ern eingezogen worden war und nun in Kriegsgefangenschaft war. Das Wiedersehen und die Entscheidung um Fritzens Willen nach Deutschland zurückzukehren. Leipzig, ihr unerschütterlicher Glaube an den Sozialismus, ihr großes politisches Engagement, ihre vielen Freundschaften, ihre Kinder und die Schwiegereltern, die sie pflegte, und ihre Enkel. Dann der Umzug nach Berlin, Fritzens Tod, die Wende, ihre Kinder, ihre Enkel, ihre vielen Freundshcfaten und weiterhin ihre politische Arbeit.
Bis zum Schluss hat sie sich immer verausgabt. Sich ihrer Qualität, Geschichte lebendig werden zu lassen, bewusst, konnte sie kaum Nein sagen, wurde sie angefragt zu sprechen. In den Kontakt mit Menschen ging sie intensiv, in der Hoffnung, einen Eindruck zu hinterlassen, der helfen würde, die Welt zu verbessern. Es kostete sie immer mehr Kraft, ihr emotionales Gleichgewicht wiederherzustellen und sie sprach seit Jahren davon, endlich in den Ruhestand zu treten und ihren Lebensabend zu genießen.
Sie war eine liebevolle Freundin. Immer hat sie Respekt verlangt und Aufrichtigkeit, hat Mitgefühl, Verständnis und Vertrauen geschenkt. Wenn wir unterschiedlicher Meinung waren, haben wir das oft als Bereicherung empfunden, sie war voller Neugierde und hütete einen tiefen Glauben an das Gute in den Menschen.
Mir schien es, als versuchte sie, mit ihrem beeindruckenden Optimismus und ihrer Lebensfreude ständig ihren Schmerz in Schach zu halten und es tat weh, zusehen zu müssen, wie diese fragile Balance mehr und mehr kippte. Eine Woche vor ihrem 88. Geburtstag ist Irmgard Konrad gestorben. Möge sie nun im Licht angekommen sein und ihr großes Herz nie wieder frieren!
Lotta Gothe
|