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"Alle Menschen, die im Lager waren sind verwundet. Eine Krankheit kann man heilen, aber diese Wunde bleibt."
Portrait Ludmilla Woloschina
Ich traf
Ludmilla Woloschina auf der diesjährigen Jahrestagung in Moringen
zum ersten Mal. Die zunächst schüchtern erscheinende Frau war
schnell bereit sich mit mir zu unterhalten. Ihr flüssiges Deutsch
verdankt sie ihrem Vater, der wie Frau Woloschina betonte, die deutsche
Sprache sehr liebte, "er wusste nicht, dass so eine Hölle wartet".
Es fällt ihr sichtlich schwer sich an ihre Kinderzeit zu erinnern,
verknüpft sich diese Zeit für Ludmilla Woloschina mit vielen
Schmerzen und Verlusten. Geboren wurde sie in Odessa in einer jüdischen
Familie mit drei älteren Geschwistern. Ihr Vater war Lehrer und sie
lebten in einem großen Haus. 1933 verließ die Familie aufgrund
einer Hungersnot die Stadt und siedelte sich in Donezk an. Ihre älteren
Geschwister studierten Medizin und waren als Ärzte in der Roten Armee
tätig. Nachdem die Stadt 1942 von der Deutschen Wehrmacht besetzt
wurde, mussten sie den gelben Stern tragen. An einen Tag erinnert sie
sich genau: Gemeinsam mit ihrem Nachbarn besorgte Ludmilla Lebensmittel
für ihre Familie, auf dem Nachhauseweg kam ihr eine Bekannte entgegen:
"Du sollst nicht nach Hause gehen", wurde sie gewarnt. Gemeinsam
im Haus waren nicht nur die Eltern, sondern auch der kleine Sohn der ältesten
Schwester. Alle wurden von den Deutschen erschossen. Ludmilla, die nicht
weiß, wann sie genau geboren ist und nie ihren Geburtstag feiert,
versteckte sich. Nun hatte sie keine Dokumente mehr und legte ihren richtigen
Namen "Sawzanskaja" ab, um nicht als Jüdin identifiziert
zu werden. Es war ihr möglich einen Studentenausweis zu besorgen.
Kurz nachdem sie die Stadt verlassen hatte, wurde sie jedoch von der ukrainischen
Polizei festgenommen und von dieser an die Feldgestapo übergeben.
Frau Woloschina behauptete, sie sei aus einem Kinderheim. Vier Wochen
lang wurde sie festgehalten und verhört. Schließlich wurde
sie gemeinsam mit anderen ukrainischen Mädchen von Mariopol nach
Deutschland überbracht. Hier arbeitete sie als Zwangsarbeiterin in
einer Drahtfabrik für die Marine. Nach ca. einem Jahr wurde sie gemeinsam
mit anderen auf Grund von Sabotage ins Gefängnis gebracht, um von
dort aus via Berlin Alexanderplatz schließlich ins Frauenkonzentrationslager
Ravensbrück eingeliefert zu werden. Ihr langen schwarzen Zöpfe
wurden ihr abgeschnitten, sie erhielt die Häftlingskleider und aus
"mir wurde die Nummer 34281". Nach einem Monat Quarantäne
wurde sie schließlich in das Außenlager Neu-Brandenburg gebracht.
Die Jahre bis zu ihrer Befreiung erlebte sie als "die schrecklichste
Zeit in meinem Leben". Gemeinsam mit zwei anderen Mädchen aus
der Ukraine schloss sie sich Madame Jolie, einer Französin an, die
"für uns wie eine Mutter war". Diese lehrte die Mädchen
nicht nur französisch, sondern teilte die Lebensmittelpakete. "Sie
hat uns das Leben leichter gemacht". Am 30. April 1945 wurde das
gesamte Lager auf den Todesmarsch getrieben. In einem günstigen Moment
flüchteten die Mädchen zusammen mit Frau Jolie und konnten sich
auf dem Dach einer Fabrik verstecken. Sie wurden zwar verfolgt und gesucht,
aber glücklicherweise nicht entdeckt. Am 1. Mai schließlich
wurden sie völlig entkräftet von russischen Soldaten gefunden,
"mein zweiter Geburtstag". Eine Bescheinigung über diesen
Tag wurde ihr von der Kompanie ausgestellt: " Jedes Jahr am 1. Mai
liegt dieses Papier auf meinem Tisch". Auf Grund ihrer Deutschkenntnisse
arbeitete sie zwei Jahre beim russischen Militär in verschiedenen
Städten in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch dort verschwieg sie
ein Jahr lang ihre wahre Identität, bis sie schließlich zu
ihrem General ging, "um ihm alles zu erzählen." Ein regnerischer
grauer Tag, wie sie sich erinnert, und der General fasste das Unglaubliche
der Situation zusammen mit:" Der Alte weint, die Junge weint und
die Natur weint mit uns." Sie entschied sich gegen ihren Geburtsnamen
und blieb bei Woloschina. "So wie ich überlebt habe, ist es
mir egal wie ich genannt würde." Von dort ging sie schließlich
nach Moskau, wo sie ihre älteste Schwester inzwischen ausfindig gemacht
hatte. All ihre Geschwister haben den Krieg überlebt. Ludmilla Woloschina
lebt heute in Moskau. Sie ist die Nachfolgerin von Nina Baranowska im
Internationalen Ravensbrückkomitee und noch in vielen Organisationen
aktiv; wie so viele Überlebende ist sie bemüht, ihre Geschichte
so lange es noch geht weiterzuerzählen. "Wir sind die letzten
Zeugen, unsere Stimmen werden still".
Veronika Springmann
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