29. Jahrgang  |   Nr.117  |   Dezember 2003



 

"Alle Menschen, die im Lager waren sind verwundet. Eine Krankheit kann man heilen, aber diese Wunde bleibt."

Portrait Ludmilla Woloschina

Ich traf Ludmilla Woloschina auf der diesjährigen Jahrestagung in Moringen zum ersten Mal. Die zunächst schüchtern erscheinende Frau war schnell bereit sich mit mir zu unterhalten. Ihr flüssiges Deutsch verdankt sie ihrem Vater, der wie Frau Woloschina betonte, die deutsche Sprache sehr liebte, "er wusste nicht, dass so eine Hölle wartet". Es fällt ihr sichtlich schwer sich an ihre Kinderzeit zu erinnern, verknüpft sich diese Zeit für Ludmilla Woloschina mit vielen Schmerzen und Verlusten. Geboren wurde sie in Odessa in einer jüdischen Familie mit drei älteren Geschwistern. Ihr Vater war Lehrer und sie lebten in einem großen Haus. 1933 verließ die Familie aufgrund einer Hungersnot die Stadt und siedelte sich in Donezk an. Ihre älteren Geschwister studierten Medizin und waren als Ärzte in der Roten Armee tätig. Nachdem die Stadt 1942 von der Deutschen Wehrmacht besetzt wurde, mussten sie den gelben Stern tragen. An einen Tag erinnert sie sich genau: Gemeinsam mit ihrem Nachbarn besorgte Ludmilla Lebensmittel für ihre Familie, auf dem Nachhauseweg kam ihr eine Bekannte entgegen: "Du sollst nicht nach Hause gehen", wurde sie gewarnt. Gemeinsam im Haus waren nicht nur die Eltern, sondern auch der kleine Sohn der ältesten Schwester. Alle wurden von den Deutschen erschossen. Ludmilla, die nicht weiß, wann sie genau geboren ist und nie ihren Geburtstag feiert, versteckte sich. Nun hatte sie keine Dokumente mehr und legte ihren richtigen Namen "Sawzanskaja" ab, um nicht als Jüdin identifiziert zu werden. Es war ihr möglich einen Studentenausweis zu besorgen. Kurz nachdem sie die Stadt verlassen hatte, wurde sie jedoch von der ukrainischen Polizei festgenommen und von dieser an die Feldgestapo übergeben. Frau Woloschina behauptete, sie sei aus einem Kinderheim. Vier Wochen lang wurde sie festgehalten und verhört. Schließlich wurde sie gemeinsam mit anderen ukrainischen Mädchen von Mariopol nach Deutschland überbracht. Hier arbeitete sie als Zwangsarbeiterin in einer Drahtfabrik für die Marine. Nach ca. einem Jahr wurde sie gemeinsam mit anderen auf Grund von Sabotage ins Gefängnis gebracht, um von dort aus via Berlin Alexanderplatz schließlich ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingeliefert zu werden. Ihr langen schwarzen Zöpfe wurden ihr abgeschnitten, sie erhielt die Häftlingskleider und aus "mir wurde die Nummer 34281". Nach einem Monat Quarantäne wurde sie schließlich in das Außenlager Neu-Brandenburg gebracht. Die Jahre bis zu ihrer Befreiung erlebte sie als "die schrecklichste Zeit in meinem Leben". Gemeinsam mit zwei anderen Mädchen aus der Ukraine schloss sie sich Madame Jolie, einer Französin an, die "für uns wie eine Mutter war". Diese lehrte die Mädchen nicht nur französisch, sondern teilte die Lebensmittelpakete. "Sie hat uns das Leben leichter gemacht". Am 30. April 1945 wurde das gesamte Lager auf den Todesmarsch getrieben. In einem günstigen Moment flüchteten die Mädchen zusammen mit Frau Jolie und konnten sich auf dem Dach einer Fabrik verstecken. Sie wurden zwar verfolgt und gesucht, aber glücklicherweise nicht entdeckt. Am 1. Mai schließlich wurden sie völlig entkräftet von russischen Soldaten gefunden, "mein zweiter Geburtstag". Eine Bescheinigung über diesen Tag wurde ihr von der Kompanie ausgestellt: " Jedes Jahr am 1. Mai liegt dieses Papier auf meinem Tisch". Auf Grund ihrer Deutschkenntnisse arbeitete sie zwei Jahre beim russischen Militär in verschiedenen Städten in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch dort verschwieg sie ein Jahr lang ihre wahre Identität, bis sie schließlich zu ihrem General ging, "um ihm alles zu erzählen." Ein regnerischer grauer Tag, wie sie sich erinnert, und der General fasste das Unglaubliche der Situation zusammen mit:" Der Alte weint, die Junge weint und die Natur weint mit uns." Sie entschied sich gegen ihren Geburtsnamen und blieb bei Woloschina. "So wie ich überlebt habe, ist es mir egal wie ich genannt würde." Von dort ging sie schließlich nach Moskau, wo sie ihre älteste Schwester inzwischen ausfindig gemacht hatte. All ihre Geschwister haben den Krieg überlebt. Ludmilla Woloschina lebt heute in Moskau. Sie ist die Nachfolgerin von Nina Baranowska im Internationalen Ravensbrückkomitee und noch in vielen Organisationen aktiv; wie so viele Überlebende ist sie bemüht, ihre Geschichte so lange es noch geht weiterzuerzählen. "Wir sind die letzten Zeugen, unsere Stimmen werden still".

Veronika Springmann

zurück zum Inhaltsverzeichnis