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Ukraine und deutsche Besatzung
Schwerpunktthema: Ukraine
Kriegsbeginn 1939
Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes
vom 23. August 1939 marschierte die Rote Armee ab dem 17. September in
die Westukraine ein. Ostgalizien, Westwolhynien und die Gebiete nordwestlich
Lembergs hatten zuvor zum polnischem Staatsgebiet gehört, das zwischen
der Sowjetunion und Deutschland aufgeteilt wurde. Im Sommer 1940 wurde
Rumänien gezwungen, die nördliche Bukowina und Bessarabien an
die Sowjetunion abzutreten. So gehörten seit 1940 außer der
Karpaten-Ukraine alle wichtigen Gebiete des heutigen ukrainischen Staatsgebietes
zur Sowjetunion. In den zwei Jahren der sowjetischen Besatzung gab es
vier Repressionswellen, bei denen vor allem Polen, aber auch Juden und
Ukrainer als "Bourgeoisie" und "alte Elite" in die
östliche Sowjetunion, vor allem nach Sibirien, deportiert wurden.
Sie wurden durch Kader, zumeist Russen aus der Ostukraine ersetzt.
Generell gab es in diesen zwei Jahren zwei große Fluchtbewegungen:
Juden, linke Polinnen und Polen flüchteten aus dem von den Deutschen
besetzten Polen in die Westukraine/Sowjetunion, nationalistische Ukrainerinnen
und Ukrainer aus der Westukraine in das Generalgouvernement (Polen). In
Krakau bereiteten sich die ukrainischen Nationalisten unter anderem gemeinsam
mit der deutschen Abwehr auf den Krieg gegen die Sowjetunion vor. Polnisch-jüdische
Kommunisten, die vor den Nationalsozialisten nach Lemberg flüchteten,
wurden vom NKWD häufig verhaftet und deportiert. Viele nahmen sich
aus Verzweiflung über diese Politik das Leben. Für viele jüdische
Überlebende war es dennoch die Entscheidung, die sie vor dem Holocaust
rettete.
Kriegsbeginn 1941
Am 22. Juni 1941 erfolgte der Angriff der deutschen Wehrmacht auf die
Sowjetunion. Bis November 1941 war praktisch die gesamte Ukraine besetzt.
Die Wehrmacht marschierte gemeinsam mit zwei Bataillonen ein, die aus
nationalistischen Ukrainern gebildet worden waren: Roland und Nachtigall.
Eine Einheit der Gebirgsjäger1 besetzte am Morgen des 30. Juni gemeinsam
mit Nachtigall Lemberg. In den Gefängnissen der Stadt, wie auch in
vielen anderen Städten der Westukraine, wurden viele tausend ehemalige
politische Gefangene der Sowjets ermordet aufgefunden. Das wurde von nationalistischen
Ukrainern zum Anlass genommen, unter den Juden der Stadt ein Pogrom zu
veranstalten. Am Abend des 30. Juni wurde von der Organisation Ukrainischer
Nationalisten (OUN) in Lemberg ein eigenständiger ukrainischer Staats
ausgerufen. Dieser Staatsgründungsakt wurde von den Nationalsozialisten
selbstverständlich nicht akzeptiert. In ihren Augen galten Ukrainer
wie alle Slawen als "Untermenschen". Die Rolle eines gleichberechtigten
Bündnispartners, die der OUN vorschwebte, war für die Nationalsozialisten
undenkbar. Die prominentesten Anführer der OUN, unter anderem Stepan
Bandera und Jaroslav Stecko, wurden verhaftet, zunächst nach Berlin
verbracht und unter "Hausarrest" gestellt und ab September 1941
in "Ehrenhaft" in Sachsenhausen, später auch in Ravensbrück
in einer Art Geiselhaft gehalten.

Faschistische Okkupation
Dass die Nationalsozialisten keinerlei Interesse an einem ukrainischen
Staat hatten, zeigte sich an der administrativen Aufspaltung des Landes:
Im August 1941 schlossen sie die Westukraine, die ehemalige österreichische
Provinz, als Distrikt Galizien an das Generalgouvernement (GG) an. Die
Bukowina, Bessarabien sowie das Gebiet am Dnjestr und Südlichem Buh
(Transnistrien) gehörten nun zum Staatsgebiet des deutschen Verbündeten
Rumänien. Die Karpaten-Ukraine gehörte bereits seit dem Frühjahr
1939 zu einem weiteren deutschen Verbündeten: Ungarn. Der größte
Teil der Ukraine - Wolhynien und die zentrale Ostukraine - wurde zum Reichskommissariat
Ukraine (RKU) unter Führung des ostpreußischen NSDAP-Leiters
Erich Koch. Zum RKU gehörten außerdem zwei südliche Teile
von Belarus, die Umgebung von Brest und Pinsk. Die Hauptstadt des RKU
wurde bewusst das provinzielle Rivne und nicht Kiew, um zu unterstreichen,
dass die Ukraine für die Nationalsozialisten ein rein "geographischer
Begriff" war. Der östliche Teil der Ukraine unterlag deutscher
Militärverwaltung.
Die Lebenssituation unterschied sich in den verschiedenen Gebieten stark
voneinander. Im GG betraf die massenhafte Repression bis zum Sommer 1943
vor allem Juden. Ukrainer und Polen hatten dort im Verhältnis zum
RKU vergleichsweise bessere Lebensbedingungen. Juden versuchten oftmals,
sich in die Ghettos des rumänischen Okkupationsgebietes durchzuschlagen,
da dort die Überlebenschancen sehr viel höher waren.2 Koch war
Alfred Rosenberg, dem Reichsminister für die besetzten Ostgebiete,
unterstellt. Die Situation war von einem Kompetenzgerangel zwischen diesem
Ministerium, dem Auswärtigem Amt, Sipo und SD sowie Wehrmacht gekennzeichnet.
Koch und Rosenberg vertraten zwei verschiedene Linien in der NS-Ausbeutungs-
und Vernichtungspolitik. Während Rosenberg dafür plädierte,
ukrainische Bündnispartner für den Kampf gegen die Sowjetunion
zu gewinnen und ihnen gegenüber eine "liberalere" Politik
zu verfolgen, verfocht Koch das Prinzip der ökonomischen Auspressung
bis zum letzten Korn.
In Hitlers Konzeption vom "deutschen Lebensraum im Osten" war
vorgesehen, im Zuge der nächsten zwanzig Jahre auf dem Gebiet der
Ukraine 20 Millionen Deutsche anzusiedeln. Die Ukraine sollte für
das Deutsche Reich die Rolle einer Kolonie spielen, die ökonomisch
rücksichtslos ausgeplündert werden sollte. Ohne Rücksicht
auf die hungernde Bevölkerung wurde seit dem Winter 1941/1942 Getreide,
Milch und Fleisch auf dem Land requiriert und nach Deutschland geschafft.
Ende 1941 stand den Bewohnern Kiews nur noch 30% der als Existenzminimum
geltenden Lebensmittelmenge zur Verfügung.
Mehr als eine Million Ukrainer, vor allem junge Frauen, wurde zur Zwangsarbeit
nach Deutschland deportiert. Alle gesellschaftlichen Organisationen, vom
Sportverein bis zum Roten Kreuz, wurden aufgelöst. Ab Januar 1942
wurden alle Schulen ab der vierten Klasse aufwärts geschlossen. Bücher
und Zeitschriften wurden nicht zum Druck zugelassen, die wenigen erscheinenden
Zeitungen unterlagen einer strengen Zensur und durften nur die Bedürfnisse
der Besatzer bedienende Artikel abdrucken. Nach Sabotageaktionen gab es
massenhafte öffentliche Geiselerschießungen. Im Rahmen von
"Vergeltungsaktionen" wurden 250 Ortschaften in der Ukraine
vollständig zerstört.
In dem nationalsozialistischen rassistisch-antisemitischen Konzept sollten
Ukrainerinnen und Ukrainer der "deutschen Herrenrasse" dienen,
hingegen Juden, Sinti und Roma vernichtet werden. Die Westukraine war
zusammen mit Ostpolen das Terrain, auf dem der Holocaust maßgeblich
durchgeführt wurde: Direkt nach dem Abzug der Roten Armee, teilweise
noch vor dem Einmarsch der Wehrmacht, wurden in vielen Ortschaften der
Westukraine von ukrainischen Nationalisten Pogrome an Juden verübt.
Mit den Einsatzgruppen, die hinter der Wehrmacht nachrückten, begannen
die massenhaften Erschießungen von Juden. Bei einem der berüchtigsten
Massaker wurden am 29./30. September 1941 mehr als 33.000 jüdische
Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Kiew in der Schlucht Babij Jar ermordet.
In den Monaten darauf wurden dort weiter regelmäßig Massenerschießungen
durchgeführt, so dass von 100.000 Toten ausgegangen werden muss.
Weiteren Erschießungen fielen darüber hinaus vor allem Kommunistinnen
und Kommunisten zum Opfer. In den circa 180 Todeslagern, die sich auf
dem Terrain der Ukraine befanden, kamen an die 1,4 Millionen sowjetischer
Kriegsgefangener ums Leben.
Nach dem Tod vieler, inzwischen ghettoisierter Juden durch Hunger und
brutale Zwangsarbeit, wurde der überwältigende Teil der ukrainischen
Juden sowie der in die Ukraine 1939 geflüchteten Juden aus westlichen
Ländern 1942/1943 im Vernichtungslager der "Aktion Reinhard"
Belzec (Ostpolen) vergast oder direkt vor Ort, wie beispielsweise in Wolhynien,
erschossen.

Nationalukrainische Bewegung
War die deutsche Wehrmacht zunächst von vielen Ukrainerinnen und
Ukrainern als Befreier vom Bolschewismus gefeiert worden, entstand durch
die deutsche Besatzungspolitik schnell eine feindselige Einstellung. Vor
allem gegen die Deportation zur Zwangsarbeit half in der Regel nur noch
die Flucht zu den Partisanen - den sowjetischen oder den national-ukrainischen.
Nach der fehlgeschlagenen Staatsgründung vom Juni 1941, der Verhaftung
ihrer Anführer und massenhaften Inhaftierungen von OUN-Mitgliedern
im September 1941, von denen auch einige nach Auschwitz kamen, wurde die
OUN verboten und existierte weiter als illegale Organisation.. Sie baute
militärische Strukturen auf und führte als Ukrainische Aufstandsarmee
(UPA) ab Herbst 1942 Aktionen gegen Polen, die in der deutschen Zivilverwaltung
oder der Polizei arbeiteten, gegen sowjetische Partisanen und auch gegen
Sicherheitspolizei und SD durch. Ab Mitte 1943 verübte die UPA in
Wolhynien massenhafte Morde an Polen, um ihr Konzept einer "ethnisch
reinen Ukraine" durchzusetzen. Es existieren Berichte jüdischer
Überlebender, dass die UPA Juden, die sie in Verstecken im Wald fand,
ermordete. Ende 1943 wird die Stärke der UPA in deutschen Quellen
auf 40.000, nach Aussagen von ukrainischen Nationalisten auf 100.000 Personen
geschätzt. Ab 1943 wurden zwischen UPA und Wehrmacht Verhandlungen
über ein taktisches Bündnis gegen sowjetische Partisanen und
Rote Armee geführt. In mehreren Fällen wurden Einheiten der
UPA Waffen geliefert und im Gegenzug hierzu lieferten diese der Wehrmacht
Informationen. Im Zuge dieses erneuten taktischen Bündnisses zwischen
ukrainischen Nationalisten und Nationalsozialisten erhielt Daria Lebed',
Ehefrau des ranghohen OUN-Funktionärs Mykola Lebed', Lebensmittelpakte
und Briefe ihres Mannes nach Ravensbrück. Ab Herbst 1944 wurden die
meisten prominenten nationalukrainischen Gefangenen aus deutschen Konzentrationslagern
entlassen.
Ab Mai 1943 - nach der militärischen Wende im Zweiten Weltkrieg -
liefen in der Westukraine Werbekampagnen der Nationalsozialisten für
die Bildung einer SS-Division, die den Namen "SS-Galizien" erhielt.
Zu dieser meldeten sich sehr viele Freiwillige, es kam aber auch zu Zwangsrekrutierungen.
Die SS-Galizien wurde bei der Schlacht bei Brody/Westukraine gegen die
Rote Armee im Juni/Juli 1944 praktisch komplett aufgerieben. Die Überlebenden
schlossen sich in der Regel der UPA an. Heute ist bei Brody mit Geldern
der englischen und US-amerikanischen SS-Veteranen-Verbände ein Gräberfeld
und eine Kapelle entstanden. Jedes Jahr wird dort durch den SS-Galizien-Veteranenverband
der Toten in einer Gedenkfeier gedacht.
Sowjetische Partisanen
Die kritische Lage an der Front führte ab Mai/Juni 1942 zur Bildung
eines zentralen militärischen Stabes zur Koordinierung der sowjetischen
Partisanenbewegung. Durch die starke Repression war der Zulauf der örtlichen
Bevölkerung auch zu diesen Partisanengruppen sehr stark. Ab Sommer
1943 rückten die sowjetischen Partisanenverbände in die Gebiete
der Westukraine vor. Sie sabotierten vor allem Verbindungs- und Kommunikationslinien
wie Eisenbahnschienen, Brücken und Telefonanlagen. Dies war Teil
des "Kampfes um die Schienen", der im Sommer 1943 im Rücken
der deutschen Wehrmacht geführt wurde - kurz vor der die militärische
Wende im Zweiten Weltkrieg einleitenden entscheidenden Panzerschlacht
bei Kursk im Juli 1943.
Im August 1943 wurde von der Roten Armee Charkiv, am 6. November Kiew
und im August 1944 Lemberg befreit. Im Oktober 1944 waren die letzten
deutschen Okkupanten aus der Ukraine vertrieben, sie befand sich nun unter
sowjetischer Herrschaft.
Bilanz
Die Ukraine war neben den Baltischen Staaten und Belarus einer der Hauptschauplätze
des Zweiten Weltkrieges. Es wird von fünf bis sieben Millionen Toten
ausgegangen, die Städte und die Wirtschaft waren völlig zerstört.
Der nationalistische Widerstand gegen die sowjetische Administration und
den NKWD ging auch nach Abzug der Deutschen weiter. Aktionen der UPA wurden
bis 1948, in sehr kleinem Ausmaß bis Mitte der 50er Jahre durchgeführt.
Mit dem nationalukrainischen Widerstand wurde ein umfassendes bevölkerungspolitisches
Programm gerechtfertigt, im Zuge dessen zwischen 1944 und 1946 eine Million
Polen aus der Westukraine zwangsweise nach Westpolen, vor allem in das
Gebiet Wroclaw, und circa 500.000 Ukrainer aus Ostpolen in die Westukraine
und ebenfalls nach Westpolen umgesiedelt wurden.
Franziska Bruder
Zur Autorin
Franziska Bruder arbeitet zu Rassismen und Nationalismen in Mittel- und Osteuropa.
Literaturhinweise:
Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine,
München 1994
Frank Golczewski (Hg.): Geschichte der Ukraine,
Göttingen 1993
Anmerkungen:
1.Die Gebirgsjäger haben ihre "Heimatkaserne" in Mittenwald/Bayern. Dort findet zu Pfingsten ihr traditionelles "Heldengedenken" statt, das größte Wehrmachts-Veteranen- und damit auch Kriegsverbrecher-Treffen in der Bundesrepublik. Seit zwei Jahren werden gegen diese Feier antifaschistische Proteste unter anderem von Seiten des VVN mobilisiert, bei denen auf die von den Gebirgsjägern vor allem in Griechenland und in Italien begangenen Kriegsverbrechen hingewiesen wird und Entschädigungszahlungen für die Opfer verlangt werden.
2.Vgl. Semjon S. Umanskij: Jüdisches Glück. Bericht aus der Ukraine 1933-1944, FFM 1998.
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