29. Jahrgang  |   Nr.117  |   Dezember 2003



 

"Dass wir etwas über Moringen erzählen können, verdanken wir Euch"

Bericht über die Jahrestagung in Moringen 2003

"Dass wir etwas über Moringen erzählen können, verdanken wir Euch": Mit diesen Worten bedankte sich Dietmar Sedlaczek bei den Überlebenden des ehemaligen KZ Moringen. In unmittelbarer Nähe zu Moringen, einer Kleinstadt in Niedersachsen, wo sich im Nationalsozialismus das erste Frauen-KZ befand, fand Anfang Oktober die diesjährige Tagung der Lagergemeinschaft Ravensbrück /Freundeskreis e. V. (LGRF) statt. "Die Verfolgung gesellschaftlicher Rand gruppen unter dem Nationalsozialismus" war das zentrale Thema der Tagung. Die LGRF-Vorsitzende Rosel Vadehra-Jonas verwies darauf, dass auch nach der Befreiung die Stigmatisierung von bestimmten "Rand gruppen" nicht zu Ende war. Sie rief zugleich "zu Zivilcourage und aktivem Handeln" gegen neofaschistische Tendenzen auf.
Die internationalen Gäste der LGRF, allesamt Vertreterinnen des Internationalen Ravensbrück Komitees (IRK), wurden von der Ehrenvorsitzenden, Gertrud Müller, begrüßt: Annette Chalut, die Präsidentin des IRK, Eva Beckerova aus der Slowakei, Nadja Kalnitzkaja aus der Ukraine, Ljudmila Woloschina und Ljudmila Muratowa aus Russland. Willkommen hieß sie auch ihre deutschen Kameradinnen Edith Sparmann, Lisl Jäger und Elisabeth Kunesch.
Im April 1933 wurde im ehemaligen "Arbeitshaus" von Moringen ein Konzentrationslager eingerichtet. Nachdem das Männerlager aufgelöst wurde, etablierte sich ein Frauenkonzentrationslager und schließlich 1939 das Jugendkonzentrationslager. Viele Männer, die im Konzentrationslager als Aufseher tätig waren, waren in Moringen mit ihren Familien ansässig. So war auch die Nachkriegsgeschichte von den Versuchen gezeichnet, die nationalsozialistische Geschichte hinter dem Tor des Schweigens verschlossen zu halten. Dass das nicht gelungen ist, ist der Verdienst mehrerer hartnäckiger Menschen.
Der Leiter der Gedenkstätte Moringen, Dietmar Sedlaczek, berichtete über die Anfänge des Konzentrationslagers Moringen. Die ersten Häftlinge waren vorwiegend Kommunisten, aber auch Sozialdemokraten und Zeugen Jehovas. Die Dorfpresse vermeldete dazu: "Irregeleitete Volksgenossen bedeuten für unsere wirtschaftliche Entwicklung einen Gewinn." Einige der SS-Wachmänner blieben nach 1947 in Moringen ansässig. Über das Frauenkonzentrationslager Moringen berichtete die Vorsitzende der Lagergemeinschaft Moringen, Anne Berghoff. Die größte Häftlingsgruppe bildeten die Zeuginnen Jehovas. Eingeliefert wurden auch Frauen, die gegen den § 218 verstoßen hatten, bisweilen wurden diese Frauen als politische Häftlinge geführt, da sie gegen die "Bevölkerungspolitik" gehandelt hätten. Sehr bald kamen aber auch junge Frauen, meist aus der Fürsorge. Ab Herbst 1939 war Moringen dann ein KZ für Jugendliche.
Die frühere Geschäftsführerin der Gedenkstätte, Ursula Gerecht, berichtete von den harten Kämpfen, die notwendig waren, bis im Mai 1993 die Gedenkstätte Moringen eröffnet werden konnte. Das Gebäude des Konzentrationslagers wurde immer "Werkshaus" genannt; in den 50er Jahren wurde darin eine forensische Psychiatrie eingerichtet. 1978 fand das erste öffentliche Gedenken an ehemalige Häftlinge des Jugend-KZ statt: Auf dem Friedhof wurde ein Gedenkstein aufgestellt. "Moringen war gespalten", so Ursula Gerecht.
1982 kam es zu einem Eklat. Bei seiner Rede zum Volkstrauertag am Kriegerdenkmal schloss der Pastor in die Veranstaltung die Opfer des Nationalsozialismus ein. Heute wirkt die gleichzeitige Nennung von Opfern und Tätern relativierend, damals zerriss der Pastor damit den Konsens des Verschweigens. In Moringen wurden daraufhin Unterschriften gesammelt, um seine Absetzung zu fordern. 1983 erschien eine von der Stadt in Auftrag gegebene Chronik, die an geschichtsverfälschenden Bildern und antisemitischen Klischees ihresgleichen sucht. So wird der 9. November 1939 als "eine Folge jüdischer" Provokationen bezeichnet. Die Chronik wurde eingestampft und nicht weiter ausgeliefert.
Danach aber erkannte der Stadtrat an, dass es in Moringen drei Konzentrationslager gab. 1984 hielt Ursula Krause-Schmitt vom Frankfurter "Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-45" einen Vortrag im Zusammenhang mit dem Treffen der Lagergemeinschaft Ravensbrück und Moringen in der Stadthalle der Kleinstadt. Gertrud Müller erinnerte sich daran, dass sie damals in Gasthäusern von Moringern verbal attackiert worden sei.
Ursula Gerecht wies in ihrem Vortrag darauf hin, wie wichtig es gewesen sei, dass immer wieder ehemalige Häftlinge vor Ort waren, um den Mitgliedern der Gedenkstätteninitiative den Rücken zu stärken. Der Rat der Stadt Moringen hat der Gedenkstätteninitiative schließlich das Torhaus überschrieben und dessen Sanierung finanziert. Das Gebäude wurde zur Gedenkstätte umgestaltet, die 1993 eröffnet wurde. Heute bietet die Gedenkstätte nach den Worten von Sedlaczek beispielsweise Projekte zu Zwangsarbeit und Spaziergänge zu jüdischem Leben in Moringen an. Gleichzeitig versteht sich die Gedenkstätte auch als Ort der Forschung.

Ausstellung:" Schwestern vergeßt uns nicht"
Im Stadtmuseum Northeim wurde die Ausstellung "Schwestern vergesst uns nicht", die 1984 in Moringen ihren Anfang genommen hatte, nach einer Begrüßung durch Northeims Bürgermeister Irmfried Rabe eröffnet. Gertrud Müller appellierte an alle Anwesenden, sich vor die Opfer des Neofaschismus zu stellen.
Ausgrenzung von Jugendlichen Jana Müller, Leiterin des Alternativen Jugendzentrums Dessau, ihr Mitarbeiter Jens Jesiolkowski und Kathleen Heise, als Schülerin an einem Filmprojekt beteiligt, berichteten von ihren Projekten, die sich mit der Verfolgung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen während des deutschen Faschismus beschäftigen. Nach einem ersten Zeitzeuginnengespräch 1997 mit Irmgard Konrad wurden Gedenkstättenfahrten organisiert und es entstand eine enge Zusammenarbeit mit verschiedenen Überlebenden. In Kooperation mit Schulen wurden mehrere Filmprojekte umgesetzt. Zwei davon thematisieren "Jugend im Dritten Reich" und setzen sich mit dem Jugendkonzentrationslager Moringen auseinander, beispielsweise "Geraubte Jugend. Verschleppt ins Konzentrationslager Moringen". Die 56minütige Dokumentation gewann den Demokratiepreis der Stiftung der Landeszentrale für politische Bildung.

Die Verfolgung so genannter "Asozialer"
Die Sozialwissenschaftlerin Christa Schikorra beleuchtete in ihrem Vortrag die Hintergründe der Verfolgung so genannter Asozialer. Im Nationalsozialismus wurden demnach all jene, denen der Stempel "gemeinschaftsunfähig" aufgedrückt wurde, zu "Volksschädlingen" deklariert. Betroffen waren vorrangig Arme, Obdachlose, Bettler, Trinker und Prostituierte. Aber es konnte jede/n treffen, der/die die Normen des alltäglichen angepassten Sozialverhaltens verletzte. 1937 wurde der Erlass zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung auf "Asoziale" erweitert, damit war die Grundlage zur Einweisung in Konzentrationslager gegeben.
"Anhand der Winkel lässt sich keine Einteilung und schon gar keine Wertigkeit der Gruppen ablesen", betonte Detlef Garbe, Leiter der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme. Besondere Aufmerksamkeit widmete er in seinem Vortrag der Ideologie des "Volkskörpers", deren Grundlagen bereits aus der Zeit vor 1933 stammen. Die Nationalsozialisten konnten darauf mühelos ihr Ausgrenzungs- und Vernichtungskonzept aufbauen.
Gleichzeitig verwies er darauf, dass eine Auseinandersetzung mit diesen Verbrechen erst seit den 80er Jahren stattfinde. Erst eine Woche vor der LGRF-Tagung habe sich das diesjährige Gedenkstättenseminar mit diesem Thema in Northeim beschäftigt. In den Jahrzehnten davor sei die Verfolgung von "Asozialen" im NS in der Regel verharmlost worden, was die Opfer meist als zweite Verfolgung erlebt hätten. Die Folgen dieser Nicht-Auseinandersetzung seien bis heute in der Ausgrenzung gesellschaftlich unerwünschter Gruppen zu sehen.
Unter der Moderation von Ursula Krause-Schmitt thematisierte eine Gesprächsrunde Formen des Gedenkens an die als "asozial" Verfolgten. Einig waren sich die Teilnehmenden darin, dass eine Würdigung der als "asozial" Verfolgten keinesfalls bedeute, jede Tat bzw. Untat einzelner Häftlinge zu "adeln". Gleichwohl sei aber Vorsicht geboten, aufgrund einzelner Taten nicht eine ganze Häftlingsgruppe zu stigmatisieren. Die Filmemache rin Loretta Walz unterstrich, dass durch eine Würdigung dieser Opfergruppe nicht anderen Verfolgten der Respekt entzogen würde. Hervorgehoben wurden außerdem die Kontinuitäten der gesellschaftlichen Ausgrenzung nach der Befreiung, sowohl in der BRD als auch in der DDR.

Neue Projekte von Loretta Walz
Loretta Walz präsentierte ihren Film "Wenn ich mal nicht mehr da bin, müsst Ihr das machen" über das Leben der Ravensbrückerin Hildegard Schäfer, den sie in enger Zusammenarbeit mit Hunsrücker Freundinnen in der LGRF erstellt hat. Die Teilnehmenden sagten ihr Unterstützung für ihr nächstes Projekt zu: Zum 60. Jahrestag der Befreiung 2005 soll in Kooperation mit der Fernuniversität Hagen ein "biographisches Lesebuch" mit rund 100 Porträts derjenigen Ravensbrückerinnen erscheinen, mit denen die Filmemacherin Interviews geführt hat. Zudem kündigte sie einen "umfassenden Film" zur Geschichte des Konzentrationslagers Ravensbrück an.

"Gedenkkultur angesichts knapper Mittel"
Dietmar Sedlaczek berichtete von der Gefahr weiterer Mittelkürzungen in der Gedenkstätte Moringen. Die CDU im Landkreis Northeim wolle die Zuwendungen für die Gedenkstätte um 50 Prozent kürzen, erläuterte er. Mit den Mitteln des Kreises stehe und falle aber auch der Zuschuss des Landes Niedersachsen. Am Beispiel von Moringen werde deutlich, dass die Einstufung der Gedenkstätte als lediglich regional bedeutsam falsch ist.
Dasselbe gilt auch für die Gedenkstätte des KZ Lichtenburg, wie erneut ein Bericht von LGRF-Vorstandsmitglied Gabi Heuckmann vor Augen führte. Die Landesregierung Sachsen-Anhalt lehnt es weiterhin ab, die Gedenkstätte in ihrer Bedeutung heraufzustufen. Die Folge: Noch immer ist unklar, was mit dem früheren KZ-Gelände wird.

Bildungsarbeit mit Jugendlichen
Lisl Jäger stellte ihre Erfahrungen bei der Arbeit mit Jugendlichen sowohl in der Gedenkstätte Ravensbrück als auch bei Veranstaltungen an anderen Orten vor. Sie würdigte besonders die Arbeit des Straßentheaters Gransee. Eine zentrale Frage war, mit welchen Mitteln das Interesse von Jugendlichen für das Thema Nationalsozialismus geweckt werden kann.

Zielplanung für die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
In der verabschiedeten Zielplanung sind Mittel für die südlichen Teile des Lagers vorgesehen, so Fritz Schwark, der stellvertretende Vorsitzende der LGRF. Für das Jugend-KZ Uckermark und das Siemens-Lager würden jedoch keine genaueren Planungen dargestellt. Vor der Kommandantur sei die Errichtung eines Besucherinformationszentrums geplant. Der Hauptparkplatz solle in Richtung des Kinosaales verschoben werden. Als Zufahrt zu diesem Parkplatz solle eine neue Straße vor dem zur Kommandantur gelegenen Zaun der Jugendbegegnungsstätte dienen. Im Bereich des früheren Lagertores solle eine Glaswand die Zufahrt zum Lager verwehren. Für den Zellenbau sei eine Instandsetzung geplant, die vorhandene Zellengestaltung solle rückgebaut werden, erläuterte Schwark.
Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung
Die künftigen Gedenkfeiern in Ravensbrück sollen von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Ravensbrückkomitee (IRK) - jedoch ohne Beteiligung der deutschen Lagergemeinschaft ausgerichtet werden. Diesen Beschluss des Beirats der Stiftung erläuterte Rosel Vadehra-Jonas den Anwesenden. Ausgespart werden sollten aktuelle politische Bezüge, man solle sich auf das Gedenken beschränken. Rosel Vadehra-Jonas schlug in diesem Zusammenhang die Durchführung einer eigenen Veranstaltung am Vorabend der Befreiungsfeier vor. Zusätzlich soll ein Gedenken am Ort des Zeltes oder am Fuße der Tragenden im Anschluss an die Gedenkfeier stattfinden. Die Vorsitzende des IRK, Annette Chalut, stellte klar, dass sie eine Beteiligung der deutschen Lagergemeinschaft an der Feier wünscht. Das IRK sei schon aus organisatorischen Gründen nicht in der Lage, sich an den Vorbereitungen zu beteiligen. Diese Position habe sie auch im Beirat der Stiftung vertreten.

lg, eh, sh, mh, ip, vesp, gv

Wir bedanken uns für die Förderung der Tagung durch die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, und Zukunft" aus dem Fonds 'Erinnerung und Zukunft'.

Das AJZ e.V. Dessau befindet sich in der Schlachthofstr. 25 06844 Dessau,
e-mail: ajz-dessau@web.de

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