|
|
"Dass wir etwas über Moringen erzählen können, verdanken wir Euch"
Bericht über die Jahrestagung in Moringen 2003
"Dass wir etwas über Moringen erzählen
können, verdanken wir Euch": Mit diesen Worten bedankte sich
Dietmar Sedlaczek bei den Überlebenden des ehemaligen KZ Moringen.
In unmittelbarer Nähe zu Moringen, einer Kleinstadt in Niedersachsen,
wo sich im Nationalsozialismus das erste Frauen-KZ befand, fand Anfang
Oktober die diesjährige Tagung der Lagergemeinschaft Ravensbrück
/Freundeskreis e. V. (LGRF) statt. "Die Verfolgung gesellschaftlicher
Rand gruppen unter dem Nationalsozialismus" war das zentrale Thema
der Tagung. Die LGRF-Vorsitzende Rosel Vadehra-Jonas verwies darauf, dass
auch nach der Befreiung die Stigmatisierung von bestimmten "Rand
gruppen" nicht zu Ende war. Sie rief zugleich "zu Zivilcourage
und aktivem Handeln" gegen neofaschistische Tendenzen auf.
Die internationalen Gäste der LGRF, allesamt Vertreterinnen des Internationalen
Ravensbrück Komitees (IRK), wurden von der Ehrenvorsitzenden, Gertrud
Müller, begrüßt: Annette Chalut, die Präsidentin
des IRK, Eva Beckerova aus der Slowakei, Nadja Kalnitzkaja aus der Ukraine,
Ljudmila Woloschina und Ljudmila Muratowa aus Russland. Willkommen hieß
sie auch ihre deutschen Kameradinnen Edith Sparmann, Lisl Jäger und
Elisabeth Kunesch.
Im April 1933 wurde im ehemaligen "Arbeitshaus" von Moringen
ein Konzentrationslager eingerichtet. Nachdem das Männerlager aufgelöst
wurde, etablierte sich ein Frauenkonzentrationslager und schließlich
1939 das Jugendkonzentrationslager. Viele Männer, die im Konzentrationslager
als Aufseher tätig waren, waren in Moringen mit ihren Familien ansässig.
So war auch die Nachkriegsgeschichte von den Versuchen gezeichnet, die
nationalsozialistische Geschichte hinter dem Tor des Schweigens verschlossen
zu halten. Dass das nicht gelungen ist, ist der Verdienst mehrerer hartnäckiger
Menschen.
Der Leiter der Gedenkstätte Moringen, Dietmar Sedlaczek, berichtete
über die Anfänge des Konzentrationslagers Moringen. Die ersten
Häftlinge waren vorwiegend Kommunisten, aber auch Sozialdemokraten
und Zeugen Jehovas. Die Dorfpresse vermeldete dazu: "Irregeleitete
Volksgenossen bedeuten für unsere wirtschaftliche Entwicklung einen
Gewinn." Einige der SS-Wachmänner blieben nach 1947 in Moringen
ansässig. Über das Frauenkonzentrationslager Moringen berichtete
die Vorsitzende der Lagergemeinschaft Moringen, Anne Berghoff. Die größte
Häftlingsgruppe bildeten die Zeuginnen Jehovas. Eingeliefert wurden
auch Frauen, die gegen den § 218 verstoßen hatten, bisweilen wurden
diese Frauen als politische Häftlinge geführt, da sie gegen
die "Bevölkerungspolitik" gehandelt hätten. Sehr bald
kamen aber auch junge Frauen, meist aus der Fürsorge. Ab Herbst 1939
war Moringen dann ein KZ für Jugendliche.
Die frühere Geschäftsführerin der Gedenkstätte, Ursula
Gerecht, berichtete von den harten Kämpfen, die notwendig waren,
bis im Mai 1993 die Gedenkstätte Moringen eröffnet werden konnte.
Das Gebäude des Konzentrationslagers wurde immer "Werkshaus"
genannt; in den 50er Jahren wurde darin eine forensische Psychiatrie eingerichtet.
1978 fand das erste öffentliche Gedenken an ehemalige Häftlinge
des Jugend-KZ statt: Auf dem Friedhof wurde ein Gedenkstein aufgestellt.
"Moringen war gespalten", so Ursula Gerecht. 
1982 kam es zu einem Eklat. Bei seiner Rede zum Volkstrauertag am Kriegerdenkmal
schloss der Pastor in die Veranstaltung die Opfer des Nationalsozialismus
ein. Heute wirkt die gleichzeitige Nennung von Opfern und Tätern
relativierend, damals zerriss der Pastor damit den Konsens des Verschweigens.
In Moringen wurden daraufhin Unterschriften gesammelt, um seine Absetzung
zu fordern. 1983 erschien eine von der Stadt in Auftrag gegebene Chronik,
die an geschichtsverfälschenden Bildern und antisemitischen Klischees
ihresgleichen sucht. So wird der 9. November 1939 als "eine Folge
jüdischer" Provokationen bezeichnet. Die Chronik wurde eingestampft
und nicht weiter ausgeliefert.
Danach aber erkannte der Stadtrat an, dass es in Moringen drei Konzentrationslager
gab. 1984 hielt Ursula Krause-Schmitt vom Frankfurter "Studienkreis
Deutscher Widerstand 1933-45" einen Vortrag im Zusammenhang mit dem
Treffen der Lagergemeinschaft Ravensbrück und Moringen in der Stadthalle
der Kleinstadt. Gertrud Müller erinnerte sich daran, dass sie damals
in Gasthäusern von Moringern verbal attackiert worden sei.
Ursula Gerecht wies in ihrem Vortrag darauf hin, wie wichtig es gewesen
sei, dass immer wieder ehemalige Häftlinge vor Ort waren, um den
Mitgliedern der Gedenkstätteninitiative den Rücken zu stärken.
Der Rat der Stadt Moringen hat der Gedenkstätteninitiative schließlich
das Torhaus überschrieben und dessen Sanierung finanziert. Das Gebäude
wurde zur Gedenkstätte umgestaltet, die 1993 eröffnet wurde.
Heute bietet die Gedenkstätte nach den Worten von Sedlaczek beispielsweise
Projekte zu Zwangsarbeit und Spaziergänge zu jüdischem Leben
in Moringen an. Gleichzeitig versteht sich die Gedenkstätte auch
als Ort der Forschung.
Ausstellung:" Schwestern vergeßt uns nicht"
Im Stadtmuseum Northeim wurde die Ausstellung "Schwestern vergesst
uns nicht", die 1984 in Moringen ihren Anfang genommen hatte, nach
einer Begrüßung durch Northeims Bürgermeister Irmfried
Rabe eröffnet. Gertrud Müller appellierte an alle Anwesenden,
sich vor die Opfer des Neofaschismus zu stellen.
Ausgrenzung von Jugendlichen Jana Müller, Leiterin des Alternativen
Jugendzentrums Dessau, ihr Mitarbeiter Jens Jesiolkowski und Kathleen
Heise, als Schülerin an einem Filmprojekt beteiligt, berichteten
von ihren Projekten, die sich mit der Verfolgung von Jugendlichen und
jungen Erwachsenen während des deutschen Faschismus beschäftigen.
Nach einem ersten Zeitzeuginnengespräch 1997 mit Irmgard Konrad wurden
Gedenkstättenfahrten organisiert und es entstand eine enge Zusammenarbeit
mit verschiedenen Überlebenden. In Kooperation mit Schulen wurden
mehrere Filmprojekte umgesetzt. Zwei davon thematisieren "Jugend
im Dritten Reich" und setzen sich mit dem Jugendkonzentrationslager
Moringen auseinander, beispielsweise "Geraubte Jugend. Verschleppt
ins Konzentrationslager Moringen". Die 56minütige Dokumentation
gewann den Demokratiepreis der Stiftung der Landeszentrale für politische
Bildung.
Die Verfolgung so genannter "Asozialer"
Die Sozialwissenschaftlerin Christa Schikorra beleuchtete in ihrem Vortrag
die Hintergründe der Verfolgung so genannter Asozialer. Im Nationalsozialismus
wurden demnach all jene, denen der Stempel "gemeinschaftsunfähig"
aufgedrückt wurde, zu "Volksschädlingen" deklariert.
Betroffen waren vorrangig Arme, Obdachlose, Bettler, Trinker und Prostituierte.
Aber es konnte jede/n treffen, der/die die Normen des alltäglichen
angepassten Sozialverhaltens verletzte. 1937 wurde der Erlass zur vorbeugenden
Verbrechensbekämpfung auf "Asoziale" erweitert, damit war
die Grundlage zur Einweisung in Konzentrationslager gegeben.
"Anhand der Winkel lässt sich keine Einteilung und schon gar
keine Wertigkeit der Gruppen ablesen", betonte Detlef Garbe, Leiter
der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme.
Besondere Aufmerksamkeit widmete er in seinem Vortrag der Ideologie des
"Volkskörpers", deren Grundlagen bereits aus der Zeit vor
1933 stammen. Die Nationalsozialisten konnten darauf mühelos ihr
Ausgrenzungs- und Vernichtungskonzept aufbauen.
Gleichzeitig verwies er darauf, dass eine Auseinandersetzung mit diesen
Verbrechen erst seit den 80er Jahren stattfinde. Erst eine Woche vor der
LGRF-Tagung habe sich das diesjährige Gedenkstättenseminar mit
diesem Thema in Northeim beschäftigt. In den Jahrzehnten davor sei
die Verfolgung von "Asozialen" im NS in der Regel verharmlost
worden, was die Opfer meist als zweite Verfolgung erlebt hätten.
Die Folgen dieser Nicht-Auseinandersetzung seien bis heute in der Ausgrenzung
gesellschaftlich unerwünschter Gruppen zu sehen.
Unter der Moderation von Ursula Krause-Schmitt thematisierte eine Gesprächsrunde
Formen des Gedenkens an die als "asozial" Verfolgten. Einig
waren sich die Teilnehmenden darin, dass eine Würdigung der als "asozial"
Verfolgten keinesfalls bedeute, jede Tat bzw. Untat einzelner Häftlinge
zu "adeln". Gleichwohl sei aber Vorsicht geboten, aufgrund einzelner
Taten nicht eine ganze Häftlingsgruppe zu stigmatisieren. Die Filmemache
rin Loretta Walz unterstrich, dass durch eine Würdigung dieser Opfergruppe
nicht anderen Verfolgten der Respekt entzogen würde. Hervorgehoben
wurden außerdem die Kontinuitäten der gesellschaftlichen Ausgrenzung
nach der Befreiung, sowohl in der BRD als auch in der DDR.

Neue Projekte von Loretta Walz
Loretta Walz präsentierte ihren Film "Wenn ich mal nicht mehr
da bin, müsst Ihr das machen" über das Leben der Ravensbrückerin
Hildegard Schäfer, den sie in enger Zusammenarbeit mit Hunsrücker
Freundinnen in der LGRF erstellt hat. Die Teilnehmenden sagten ihr Unterstützung
für ihr nächstes Projekt zu: Zum 60. Jahrestag der Befreiung
2005 soll in Kooperation mit der Fernuniversität Hagen ein "biographisches
Lesebuch" mit rund 100 Porträts derjenigen Ravensbrückerinnen
erscheinen, mit denen die Filmemacherin Interviews geführt hat. Zudem
kündigte sie einen "umfassenden Film" zur Geschichte des
Konzentrationslagers Ravensbrück an.
"Gedenkkultur angesichts knapper Mittel"
Dietmar Sedlaczek berichtete von der Gefahr weiterer Mittelkürzungen
in der Gedenkstätte Moringen. Die CDU im Landkreis Northeim wolle
die Zuwendungen für die Gedenkstätte um 50 Prozent kürzen,
erläuterte er. Mit den Mitteln des Kreises stehe und falle aber auch
der Zuschuss des Landes Niedersachsen. Am Beispiel von Moringen werde
deutlich, dass die Einstufung der Gedenkstätte als lediglich regional
bedeutsam falsch ist.
Dasselbe gilt auch für die Gedenkstätte des KZ Lichtenburg,
wie erneut ein Bericht von LGRF-Vorstandsmitglied Gabi Heuckmann vor Augen
führte. Die Landesregierung Sachsen-Anhalt lehnt es weiterhin ab,
die Gedenkstätte in ihrer Bedeutung heraufzustufen. Die Folge: Noch
immer ist unklar, was mit dem früheren KZ-Gelände wird.
Bildungsarbeit mit Jugendlichen
Lisl Jäger stellte ihre Erfahrungen bei der Arbeit mit Jugendlichen
sowohl in der Gedenkstätte Ravensbrück als auch bei Veranstaltungen
an anderen Orten vor. Sie würdigte besonders die Arbeit des Straßentheaters
Gransee. Eine zentrale Frage war, mit welchen Mitteln das Interesse von
Jugendlichen für das Thema Nationalsozialismus geweckt werden kann.
Zielplanung für die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
In der verabschiedeten Zielplanung sind Mittel für die südlichen
Teile des Lagers vorgesehen, so Fritz Schwark, der stellvertretende Vorsitzende
der LGRF. Für das Jugend-KZ Uckermark und das Siemens-Lager würden
jedoch keine genaueren Planungen dargestellt. Vor der Kommandantur sei
die Errichtung eines Besucherinformationszentrums geplant. Der Hauptparkplatz
solle in Richtung des Kinosaales verschoben werden. Als Zufahrt zu diesem
Parkplatz solle eine neue Straße vor dem zur Kommandantur gelegenen
Zaun der Jugendbegegnungsstätte dienen. Im Bereich des früheren
Lagertores solle eine Glaswand die Zufahrt zum Lager verwehren. Für
den Zellenbau sei eine Instandsetzung geplant, die vorhandene Zellengestaltung
solle rückgebaut werden, erläuterte Schwark.
Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung
Die künftigen Gedenkfeiern in Ravensbrück sollen von der Stiftung
Brandenburgische Gedenkstätten in Zusammenarbeit mit dem Internationalen
Ravensbrückkomitee (IRK) - jedoch ohne Beteiligung der deutschen
Lagergemeinschaft ausgerichtet werden. Diesen Beschluss des Beirats der
Stiftung erläuterte Rosel Vadehra-Jonas den Anwesenden. Ausgespart
werden sollten aktuelle politische Bezüge, man solle sich auf das
Gedenken beschränken. Rosel Vadehra-Jonas schlug in diesem Zusammenhang
die Durchführung einer eigenen Veranstaltung am Vorabend der Befreiungsfeier
vor. Zusätzlich soll ein Gedenken am Ort des Zeltes oder am Fuße
der Tragenden im Anschluss an die Gedenkfeier stattfinden. Die Vorsitzende
des IRK, Annette Chalut, stellte klar, dass sie eine Beteiligung der deutschen
Lagergemeinschaft an der Feier wünscht. Das IRK sei schon aus organisatorischen
Gründen nicht in der Lage, sich an den Vorbereitungen zu beteiligen.
Diese Position habe sie auch im Beirat der Stiftung vertreten.
lg, eh, sh, mh, ip, vesp, gv
Wir bedanken uns für die Förderung der Tagung durch die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, und Zukunft" aus dem Fonds 'Erinnerung und Zukunft'.
Das AJZ e.V. Dessau befindet sich in der
Schlachthofstr. 25 06844 Dessau,
e-mail: ajz-dessau@web.de
|