29. Jahrgang  |   Nr.117  |   Dezember 2003



 

Täter und Täterinnen in Quellen und Überlieferung

Workshop: vom 31. 10. - 2. 11. 03 in Ravensbrück

Am ersten Novemberwochenende traf sich in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück ein interessiertes, engagiertes Publikum, um über Möglichkeiten und Probleme der musealen Präsentation von NS-Tätern und Täterinnen in Gedenkstätten zu diskutieren. An der Tagung nahmen unter anderem MitarbeiterInnen der Gedenkstätten Neuengamme, Wewelsburg, Sachsenhausen und der Villa ten Hompel teil.


Primo Levi beschreibt in seinem Buch "Die Untergegangenen und Geretteten" seine quälende Furcht davor, dass die Nachgeborenen nicht den Opfern, sondern den Tätern Glauben schenken werden: "Es wird vielleicht Zweifel, Diskussionen, historische Forschungen, aber keine Gewissheit geben, denn wir werden die Beweise zusammen mit Euch [gem. sind die Häftlinge] zerstören. Und wenn zufällig ein Beweis oder irgendjemand von Euch überleben sollte, wird die ganze Welt sagen, dass die Ereignisse, von denen ihr berichtet, viel zu ungeheuerlich sind, als dass man ihnen Glauben schenken kann; man wird sagen, dass es sich um Übertreibungen der alliierten Propaganda handelt; man wird euch nicht glauben, sondern uns, die wir alles leugnen werden. Wir sind es, die die Geschichte der Lager diktieren werden." Heute wissen wir, dass diese Verkehrung nicht zur Realität wurde; gefunden wurde hingegen eine Diktion der Geschichtsinterpretation, die versucht alle Deutschen als Opfer zu begreifen. Unterschiede zwischen Opfer und Täter werden aufgehoben in einem großen Kollektiv des Schmerzes, in dem nicht mehr nach Ursache und Wirkung gefragt wird. "Gelitten haben alle", raunt es von allen Seiten, wen kümmern da noch die Fragen nach Schuld und Verantwortung. Vor diesem Hintergrund scheint es sinnvoll und richtig, dass es gerade in Ravensbrück, einem Ort an dem SS-Aufseherinnen tätig waren und ausgebildet wurden, eine Ausstellung über das SS-Personal geben wird.
Zwar sind Gedenkstätten nationalsozialistischer Konzentrationslager, als Orte des "Mahnens und Erinnerns", vor allem Orte, die das Leiden der Opfer dokumentieren. Doch waren gerade die Konzentrationslager Orte, die ohne das Handeln und Wirken des SS-Personals nicht funktioniert hätten. Die Häftlinge waren tagtäglich der Willkür und Brutalität ihrer Aufseher ausgeliefert. Eine Ausstellung, die sich mit dem SS - Personal und den nationalsozialistischen Herrschaftsstrukturen beschäftigt, kann und muss also die Kluft zwischen Opfern und Tätern deutlich machen. Eine der Gefahren, die solch eine Ausstellung in sich birgt, ist die Überlagerung der Erinnerung der Opfer durch die der Täter. Als ein Versuch dem entgegenzuwirken, ist die von den Ausstellungsmachern Simone Erpel, Johannes Schwartz und Jeannette Toussaint vorgesehene Eingangssequenz zu verstehen: Passfotos von Aufseherinnen werden zu sehen sein, kontrastiert mit Aussagen und Erinnerungen ehemaliger Häftlinge an die betreffende SS- Aufseherin. Die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung nehmen von den SS-Aufseherinnen zuerst durch die Beschreibung und Wahrnehmung der Häftlinge Kenntnis. Ein weiteres Problem, das aufgeworfen wurde, liegt in der Gefahr die Täterinnen zu stereotypisieren. Die Vorstellung einer weiblichen Täterschaft ist für die meisten noch sehr viel undenkbarer als die von Männern als Täter. Wenn überlebende KZ-Häftlinge in ihren Erinnerungen SS - Aufseherinnen als "Bestien", "Megären" oder "Furien" beschreiben, wird dadurch das traumatische Erleben deutlich, mit nie zuvor gekannter Gewalt und Grausamkeit misshandelt worden zu sein. Es ist der verzweifelte Versuch, diese Erfahrung in Sprache zu übersetzen. Eine heutige Annäherung muss versuchen, die Gewalterfahrung der überlebenden Häftlinge präzise wiederzugeben.
Bemerkt wurde auf der Tagung, dass die Frage des "Warums" letztendlich nicht beantwortet werden kann. Eine Ausstellung, die sich explizit dem SS - Personal widmet, kann und soll zwar Erklärungsversuche anbieten, sie soll zum Nachdenken und Fragen stellen anregen, sie darf aber kein vorschnelles Verstehen anbieten. Deutlich gemacht werden muss, dass die Aufseherinnen, genau wie ihre männlichen Kollegen, in einer Gesellschaft situiert waren, die es ihnen möglich machte, ihre Tätigkeit als alltäglich und selbstverständlich zu begreifen. Am Ende der Ausstellung soll dargestellt werden, wie sich die Töchter ehemaliger Aufseherinnen mit den Taten ihrer Mütter auseinandersetzen. Aufgezeigt werden sollen - exemplarisch - gleichsam die Möglichkeiten (und damit auch Grenzen) einer individuellen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, und damit einhergehend die Verdrängungsleistungen - und Mechanismen, die bis heute fortdauern.
Die ganze Tagung war geprägt von einem offenen Klima, das einen intensiven Austausch möglich machte. Nicht nur dafür gilt es, dem Projektteam ein großes Kompliment auszusprechen.

Veronika Springmann

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