29.Jahrgang  |   Nr.115  |   Juni 2003



 

Die Selektion und Zusammenstellung der Vernichtungstransporte nach Bernburg im Februar und März 1942 im Frauen-KZ Ravensbrück

Der mit dem Aktenzeichen "14f13" getarnten ersten großen Mordaktion in den NS-Konzentrationslagern fielen im Zeitraum von April 1941 bis Ende März 1942 "annähernd 20000 Menschen" zum Opfer. Die Initiative für diese Aktion ging vom Reichsführer-SS Heinrich Himmler aus, der sie zusammen mit der "Kanzlei des Führers" zwischen Januar und April 1941 organisierte. Beauftragt wurde die nach ihrem Sitz in der Tiergartenstraße 4 (Berlin) benannte "Organisation T4". Deren medizinischer Leiter, Prof. Dr. Werner Heyde, sollte die Ärztekommission zur Selektion sog. "Ballastexistenzen" in den KZs zusammenstellen.1
Am Beispiel des KZs Ravensbrück soll im Folgenden zum einen den Fragen nachgegangen werden, wer die Verantwortung für diese Mordaktion übertragen bekam, wer sie im einzelnen und mit welchen Taktiken und Methoden durchführte und zum anderen wer die Opfer waren und wie hoch ihre Anzahl ist.
Die Organisation T4 beauftragte zunächst die KZ-Lagerkommandanten, eine Vorauswahl der Todeskandidaten zu treffen. Im Herbst 1941 mussten in Ravensbrück die Blockältesten "je eine Liste 'Geistesschwache', 'Körperbehinderte' 'Bettnässerinnen' und 'Arbeitsunfähige'" anlegen.2 Daraufhin ging der Ravensbrücker Standortarzt, SS-Obersturmbannführer Dr. Walter Sonntag, durch die Krankenzimmer und notierte sich die Namen und Geburtsdaten der Kranken.3 Als der T4-Gutachter Dr. Friedrich Mennecke am 19. November 1941 in Ravensbrück eintraf, teilte ihm der Adjutant und Schutzhaftlagerführer Traugott Meyer mit, dass insgesamt 259 Häftlinge für die Selektion in Frage kämen.4
Dr. Mennecke versuchte schon am nächsten Tag "die Anzahl der Infragekommenden (...) um etwa 60-70" zu erhöhen. Von seinem ersten Tag in Ravensbrück, an dem er "95 Bögen" ausfüllte, berichtete er selbstzufrieden seiner Frau: "Dr. Sonntag sitzt dabei und macht Angaben über das Verhalten im Lager, ein Scharführer holt mir die Pat(ienten) herein, - es klappt tadellos." 5 Ravensbrück-Überlebende schildern folgenden Ablauf dieser Selektionen: "Die Frauen defilierten nackt vor einem schweigenden Arzt, der in die auf dem Tisch aufgestapelt liegenden Akten ein kleines Zeichen einträgt. Die einzigen Fragen, die der Arzt in sarkastischem Ton stellt, beziehen sich auf die politische oder ‚rassische' Zugehörigkeit des Häftlings."6 Die Bemerkungen Dr. Menneckes sind auf insgesamt 63 erhalten gebliebenen Fotos von den Opfern dieser Selektionen zu lesen, u.a.: "Rassenschande mit deutschen Soldaten", "Mitglied deutschfeindlicher Verbände", "obdachlose jüdische Dirne", "unglaubliche freche und gehässige Äußerungen gegen Deutsche".7 Es handelte sich also keineswegs um ärztliche Untersuchungen, sondern um rassistisch, antisemitisch und nationalistisch motivierte Todesurteile.
Vom 4. bis zum 13. Januar 1942 besuchte Dr. Mennecke erneut das KZ Ravensbrück. Am 6. Januar 1942 teilte er seiner Frau brieflich mit, dass er bis zu diesem Tag bereits 181 Opfer selektiert habe, "sämtlich Arierinnen mit zahlreichen Vorstrafen". Nun würden "noch etwa 70 Arierinnen und 90 -100 Jüdinnen" folgen. Am 12. Januar zog er Bilanz: 334 Männer und 300 "arische Frauen" habe er "fertig begutachtet". Nur noch die Jüdinnen würden fehlen. Mit 850 sog. "Meldebögen", auf denen er die Todesurteile eintrug, verließ er am 13. Januar das KZ Ravensbrück.8
Damit waren die Selektionen aber keineswegs beendet. Schließlich hatte Prof. Dr. Heyde schon am
23. November 1941 Dr. Mennecke damit beauftragt, dem Lagerkommandanten Koegel mitzuteilen, dass "das Lager Ravensbrück (...) ca. 1200 - 1500 Bögen bis zum 15. Dezember fertig stellen" müsse.9 Dieses Ziel hatte Dr. Mennecke nicht erreicht.
Die stellvertretende Lagerälteste, Luise Maurer, erinnert, dass sie und die Lagerälteste Bertha Teege von der leitenden SS-Oberaufseherin Langefeld "im Februar 1942 den Auftrag" erhielten, "alle arbeitsunfähigen Häftlinge zu registrieren", und zwar "alle Kranken im Lager, also in den Blocks und im Revier (...), denn es sei beabsichtigt sie in ein Sanatorium zu verlegen". Als sie den Auftrag verweigert hätten, da sie "der Sache" nicht trauten, habe Johanna Langefeld sie gewarnt, die Weigerung "nicht laut werden lassen", da sie sonst "mit Repressalien zu rechnen hätten. Sie werde jedoch die Feststellung der Kranken durch Aufseherinnen erfolgen lassen".10
Margarete Buber-Neumann schreibt, dass die Blockältesten Anfang 1942 Frauen mit "Körperfehlern", "geistigen Defekten" und die "Arbeitsunfähigen" in Listen aufnehmen mussten.11 Hilde Fischer hörte, wie die Stellvertretende SS-Oberaufseherin Emma Zimmer am Abend des 3. Februar 1942 die Namenslisten zusammenstellte.12
Die Überlebenden des Lagers berichten, wie sie am nächsten Morgen "Tuberkulosekranke, Asthmatikerinnen, geschlechtskranke Asoziale", sog. "Berufsverbrecher", zwei sog. "aufsässige" Bibelforscherinnen, Jüdinnen und sog. "Halbjüdinnen" aus ihren Betten holen mussten, die gezwungen wurden, sich im Bad zu entkleiden und mit LKWs verschleppt wurden.13 Emmy Handke erinnert sich, sie habe helfen müssen, "einige Schwerkranke auf Bahren an das Auto zu schaffen. Dort wurden sie von SS-Männern abgenommen" und sie sei "wie erstarrt vor Entsetzen" gewesen, als diese "eine gelähmte Frau wie ein totes Stück Vieh auf den Wagen warfen." 14 Zwischen 150 und 200 Frauen, hauptsächlich Deutsche, wurden an diesem Morgen verschleppt.15 Nach zwei Tagen sei ihnen dann, so Bertha Teege, "vor Schreck beinahe das Herz stehen" geblieben, als die Kleider, sogar Krücken und Gebisse von den Transportierten abgeliefert wurden".16
Der nächste Vernichtungstransport setzte sich aus 150 ausländischen Jüdinnen und "Mischlingen" (nach den Nürnberger Gesetzen) zusammen. Sie wurden zum Teil in die Vernichtungsanstalt Bernburg, zum Teil in die Mordanstalt Buch bei Berlin verschleppt.17 Ein anderer Vernichtungstransport von "150 Frauen in alphabetischer Reihenfolge" aus dem Block 6 der sog. "Berufsverbrecherinnen" ging ausschließlich nach Bernburg.18 Der letzte Transport aus Ravensbrück nach Bernburg, den Luise Maurer erlebte, war ein Krankentransport, bei dem auch zwei deutsche "politische" Häftlinge verschleppt wurden.19 Mitte März 1942 wurden zudem ungefähr 300 - 400 "Kranke" aus dem Männer-KZ Ravensbrück deportiert.20
Bertha Teege schreibt, dass die leitende SS-Oberaufseherin Johanna Langefeld "bei den Selektionen" im Frauen-KZ "die Befehle, die von Kögel kamen, ausführen und die schon ausgesuchten Frauen zusammenholen und die Transporte zusammenstellen" musste.21 Maria Wiedmaier erinnert: "Die Kleidung kam immer einige Tage, nachdem die Gefangenen das Lager verlassen hatten, zurück" und löste "Panik unter uns aus. Langefeld nutzte diese Augenblicke, um die Gefangenen der neu selektierten Transporte zu beruhigen. Sie ging in die Blöcke und erzählte den Gefangenen, dass die Geschichten über die Vernichtung Lügen seien und dass die Frauen nur auf Arbeit gingen."22
Maria Wiedmaier schätzt, dass allein von den ersten drei Transporten (der kranken Frauen, der
Jüdinnen und der Berufsverbrecherinnen) aus dem Frauen-KZ "mindestens 1200 gesunde Menschen und 400 Kranke" betroffen waren, "die alle in Bernburg durch Gas getötet wurden".23 Anise Postel-Vinay zählt "1600 Frauen und 400 oder 500 Männer" zu den Opfern dieser sog. "Schwarzen Transporte".24
Man kann also zusammenfassen, dass sich die Opfer der Vernichtungsaktion 14f13 in Ravensbrück vor allem aus Kranken, Verletzten, Körperbehinderten, Jüdinnen und sog. "Berufs- oder Gewohnheitsverbrecherinnen" zusammensetzten. Verantwortung trugen die beteiligten SS-Ärzte, der Lagerkommandant, der Schutzhaftlagerführer und die beiden SS-Oberaufseherinnen. Insbesondere der SS-Oberaufseherin Langefeld gelang es, zunächst die politischen Häftlinge des Lagers, die die Opfer aus ihren Betten holen mussten, und dann die Opfer selbst über das Ziel der Vernichtungstransporte zu täuschen. Mit dieser Verschleierungstaktik erreichte sie, dass die Zusammenstellung der Vernichtungstransporte in reibungsloser Form realisiert werden konnte. Betrachtet man die Folgen der Vernichtungsaktion 14f13, so muss man sie als Vorstufe und Test für die systematische Vernichtung der europäischen Juden in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor, Treblinka und Auschwitz ansehen, in denen zum Teil dieselben T4-Gutachter und SS-Oberaufseherinnen tätig waren.

Johannes Schwartz
(Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Mahn - und Gedenkstätte Ravensbrück)

1 Vgl. zu diesem Absatz: Walter Grode: Die "Sonderbehandlung 14f13" in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches. Ein Beitrag zur Dynamik faschistischer Vernichtungspolitik, Frankfurt a. M. 1987, zit. S. 253; Ernst Klee: "Euthanasie" im NS-Staat. Die Vernichtung "lebensunwerten Lebens", Frankfurt am Main 31986, S. 345ff. und Karin Orth: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Eine politische Organisationsgeschichte, Hamburg 1999, S. 114-121.
2 Anise Postel-Vinay: Die Massentötungen durch Gas in Ravensbrück, in: Germaine Tillion: Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, Lüneburg 1998, S. 357-395, zur Sache,
S. 358.
3 Vgl. Katrin Stoll: SS-Arzt Walter Sonntag, Profil eines medizinischen Täters, unveröffentlichte Magisterarbeit, Bielefeld 2002, S. 82f.
4 Vgl. Friedrich Mennecke: Innenansichten eines medizinischen Täters im Nationalsozialismus. Eine Edition seiner Briefe 1935-1947, bearbeitet von Peter Chroust, 2 Bde, Hamburg 1987, Bd. 1, S. 203.
5 Ebd., S. 205.
6 Postel-Vinay: Die Massentötungen, S. 358.
7 Zit. nach: Bärbel Schindler-Saefkow: 14 f 13 - Ravensbrück - Bernburg - Das Geheimnis um die Massenvernichtung in Bernburg, in: Dies., Sigrid Jacobeit und Wolfgang Schade (Hgg): Gedenkbuch Ravensbrück - Bernburg. Vorläufiges Verzeichnis der Opfer des Konzentrationslagers Ravensbrück, die im Februar und März 1942 in Bernburg/Saale durch Gas ermordet wurden, Fürstenberg (Havel) und Berlin 1998, unveröffentlichtes Manuskript, S. 5-16, hier: S. 7.
8 Vgl. zu diesem Absatz: Grit Philipp (unter Mitarbeit von Monika Schnell): Kalendarium der Ereignisse im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück 1939 - 1945, Berlin 1999, S. 85 und Mennecke: Innenansichten, zit. S. 288 und 312f.
9 Vgl. Mennecke: Innenansichten, S. 226f.
10 Luise Maurer, in: Hannah Elling: Frauen im deutschen Widerstand 1933-45, Frankfurt am Main 21979, S. 126 und dies. am 2.5.1974, zit. nach Annette Neumann: Funktionshäftlinge im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, in:
Fortsetzung von Seite 10
Werner Röhr und Brigitte Berlekamp (Hgg.): Tod oder Überleben? Neue Forschungen zur Geschichte des Konzentrationslagers Ravensbrück, Berlin 2001, S. 25-87, S. 43.
11 Margarete Buber-Neumann: Als Gefangene bei Stalin und Hitler. Eine Welt im Dunkel, Frankfurt am Main 1993, S. 245.
12 Vgl. Schindler-Saefkow: 14f13, S. 8.
13 Vgl. Postel-Vinay: Die Massentötungen, S. 358f.; Luise Maurer, in: Elling: Frauen, S. 126, Bertha Teege: Hinter Gitter und Stacheldraht, in: RA, Buchmann-Bestand, Bd. 34, Bericht 647, S. 23 und Emmy Handke, in: ebd., Bd. 25, Bericht 340.
14 Emmy Handke, ebd.
15 Vgl. Bertha Teege am 3.9.1947 in Berlin, in: ZStL, JAG 334/451g, Deposition No. 12 und Maria Katharina Wiedmaier am 1.9.1947, in: PRO/WO 309/694, 33583, Bl. 129, Deposition No. 1a.
16 Teege: Hinter Gitter, S. 23.
17 Vgl. Teege ebd.; dies. in: ZStL, JAG 334/451g, Deposition No. 12; Postel-Vinay: Die Massentötungen, S. 359 und Maurer, in: Elling: Frauen, S. 127.
18 Maurer, in: Elling: Frauen, S. 127. Zu den Insassen des Blocks 6, ebd., S. 125.
19 Vgl. Ebd., S. 127.
20 Postel-Vinay: Die Massentötungen, S. 359.
21 Bertha Teege in: ZStL, JAG 334/451g, Deposition No. 12.
22 Maria Katharina Wiedmaier am 1. September 1947, in: PRO/WO 309/694, 33583, Bl. 129, Deposition No. 1a. Rückübersetzung aus dem Englischen, d. Verf.
23 Maria Wiedmaier am 20. Mai 1948, in: RA, Buchmann-Bestand, Bd. 25, Bericht 381.
24 Postel-Vinay: Die Massentötungen, S. 363.

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