28.Jahrgang  |   Nr.113  |   Dezember 2002



Zwei Zeuginnen Jehovas aus dem Untergrundwerk, die später in Ravensbrück inhaftiert waren: Charlotte Müller und Ilse Unterdörfer

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Schwerpunkt: Verfolgung der Zeugen Jehovas

Zeugen Jehovas als Häftlinge in Ravensbrück

"Den hunderten Bibelforscherfrauen / sei zu Ehre und Achtung gesagt ..."

"... dass ihre religiösen Lieder / am Sonntag-Nachmittag / allen Häftlingen im Lager Herz und Hirn erbauten." Maria Günzls Gedicht ehrt die Mithäftlinge mit dem "lila Winkel".1 Zu der Häftlingsgruppe, die lange zu den "vergessenen" NS-Opfern zählte, gehört Gertrud Pötzinger. Wie viele Frauen war sie im religiösen Untergrundwerk der Zeugen Jehovas (ZJ) oder Bibelforscher aktiv (die Glaubensgemeinschaft ließ sich nicht zum Führerkult und Nationalsozialismus pressen) und kam nach Verhaftung, Verurteilung und dreieinhalb Jahren Einzelhaft in Breslau (1938-1941) in das Frauen-KZ. Die "Ravensbrückerinnen"-Ausstellung in der Mahn-und Gedenkstätte Ravensbrück thematisiert auch ihre Leidensgeschichte.2 Soweit namentlich erfasst, waren rund 1.100 Bibelforscher aus mehreren Ländern im KZ Ravensbrück (über 830 Frauen und 260 Männer), von denen 144 dort oder anderswo das Leben verloren.3

Die Frauen, von der SS als "Bibelwürmer" verhöhnt, gehörten zu den ersten Häftlingen, die man im Mai 1939 von der Lichtenburg nach Ravensbrück transportierte - unter den insgesamt 974 Gefangenen waren 388 Bibelforscherinnen.4 Bereits in den KZ Moringen und Lichtenburg hatten die ZJ-Frauen über 40% des Häftlingsbestandes gestellt, zeitweise sogar 98%!5 Der Anteil der ZJ-Männer an den jeweiligen KZ-Belegstärken betrug in der Vorkriegszeit zwischen 5 und 10%; sie wurden isoliert gehalten, mit Sonntagsarbeit und Schreibverbot belegt sowie in der Strafkompanie "bis an den Rand der Vernichtung" (ein Betroffener) gepeinigt.6 Männer wie Frauen der als unbeugsam geltenden ZJ waren "besonderes Hassobjekt der SS", die "mit unvorstellbarer Grausamkeit" (Garbe) gegen sie wütete, was nach Kriegsbeginn eskalierte.7 Erna Ludolph schildert, wie der Kommandant am 19. Dezember 1939 die Bibelforscherinnen aufforderte, für die Soldaten Munitionstaschen zu nähen, und weil sie sich weigerten, sie daraufhin wochenlang mit Stehappellen, Dunkel- und Hungerarrest in überfüllten, eiskalten Zellen bestraft wurden.8 Danach mussten die Frauen, verspottet von den anderen Häftlingen, als "Strafblock" Schwerstarbeit im Schnee verrichten, woran Rosa Möll erinnert: "Als die Stiefkinder des Lagers / völlig erschöpft und abgemagert / sind wir 'Friedhofskolonne' genannt. / So schauten wir aus - skelettverwandt."9 Mit dem Abschwören ihres Glaubens hätte ein ZJ seine Freilassung bewirken können; nur wenige unterschrieben. Das Lager ließ sogar Briefpapier mit dem Aufdruck "Die Schutzhaftgefangene ist nach wie vor hartnäckige Bibelforscherin ..." bedrucken. Die Taktik der SS, sie als "Besichtigungsblock" besonderen Schikanen und Gemeinheiten auszusetzen, ging nicht auf - die Frauen blieben solidarisch. Doch die Wahrnehmung der Bibelforscherinnen durch Angehörige anderer Häftlingsgruppen war ambivalent, schwankte zwischen Respekt/Bewunderung und Unverständnis - sogar Ablehnung, was ideologisch bedingt sein konnte, wie die Beschreibung der Blockältesten und Atheistin Margarete Buber-Neumann zeigt.10 Die Lage der ZJ "verbesserte" sich graduell erst ab 1942/43, als man begann, die Arbeitskraft der Häftlinge effizienter auszubeuten. Hohe NS-Funktionäre unterwarfen die ZJ, denen Flucht und Sabotage fremd waren, der Zwangsarbeit in SS-Haushalten, Lebensbornheimen, Handwerkskommandos oder Landgütern, wobei sie deren Fleiß, Ehrlichkeit und handwerkliches Geschick mit ins Kalkül zogen.11 (Sie blieben als Häftlinge erniedrigt, rechtlos, der Willkür des Wachpersonals ausgeliefert, unzureichend verpflegt usw.) Im Lager organisierten die Frauen Bibelstunden und tauschten Briefe mit dem KZ Sachsenhausen aus, worauf Himmler am 4. Mai 1944 eine Durchsuchung befahl und die "Rädelsführerinnen" bestrafen ließ.12 Nach der "Evakuierung" des Lagers im April 1945 hielt die internationale Gruppe der ZJ gut zusammen und half sich gegenseitig zu überleben.13 Im Nachkriegsdeutschland förderten sie den Wiederaufbau der Gemeinden, gehörten in der DDR aber bald wieder zu den Verfolgten, wobei viele in ihrem körperlich geschwächten Zustand die unmenschlichen Zuchthausstrafen nicht überlebten.14 Es ist zu wünschen, dass die Erinnerung an die Ravensbrücker Häftlinge mit dem "lila Winkel" auch künftig in Ausstellungen und Publikationen wach gehalten wird. Die Gedenkstätte Ravensbrück wäre bereit, eine Sonderausstellung zu beherbergen - an einem Ausstellungskonzept wird noch gearbeitet.15

Johannes Wrobel
(Jehovas Zeugen, Geschichtsarchiv, 65617 Selters)

1 Maria Günzl, Trost im Leid, Stuttgart 1976, S. 19.
2 Brümann-Güdther, Elisabeth/Jacobeit, Sigrid (Hg.), Ravensbrückerinnen. Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Bd. 4, Brandenburg 1995, S. 60-63.
3 Wenn nicht anders angegeben, liegen den Aussagen Informationen aus dem Geschichtsarchiv der Zeugen Jehovas, Selters/Taunus zugrunde.
4 Philipp, Grit: Kalendarium der Ereignisse im FKL Ravensbrück 1939-1945, Berlin 1999, S. 27.
5 Harder, Jürgen u. Hesse, Hans (Hg.): "Und wenn ich lebenslang in einem KZ bleiben müsste." Die Zeuginnen Jehovas in den Frauenkonzentrationslagern Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück, Essen 2001, S. 12.
6 Garbe, Detlef:Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas iim "Dritten Reich", München 1999, S. 403.
7 Garbe 1999 (Anm. 6), S. 407, 412ff.
8 Videodokumentation "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime", Wachtturm-Gesellschaft, 65617 Selters, 78 Min. (Unterrichtsversion 28 Min.), 1996 (kostenfrei).
9 Harder/Hesse 2001 (Anm. 5), S. 239.
10 Harder/Hesse 2001 (Anm. 5), S. 110, 138-140. Buber-Neumann, Margarete: Als Blockälteste bei den Bibelforschern / Ein Reich der Ordnung / Besichtigung / Moderne Märtyrer, in: dies.: Als Gefangene bei Stalin und Hitler - Eine Welt im Dunkel, Berlin 1997, S. 245-267. Vgl. Yonan, Gabriele: Jehovas Zeugen - Opfer unter zwei deutschen Diktaturen 1933-1945, 1949-1989, Berlin 1999, S. 51ff.: "Sie hatte als Atheistin keine besonderen Sympathien für die Bibelforscher und ihre religiösen Motive. An manchen Stellen spürt man die Absicht, sie lächerlich zu machen, gleichzeitig die Unfähigkeit, Parallelen zur eigenen ehemaligen kommunistischen Weltanschauung zu ziehen. Gerade deshalb wirkt die Darstellung realistisch und authentisch."
11 Vgl. Garbe 1999 (Anm. 6), S. 451ff. Harder/Hesse 2001, (Anm. 5), S. 184f.
12 Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974, Wiesbaden 1974, S. 204.
13 Elfriede Löhr, Überlebende des KZ Ravensbrück, schildert die gegenseitige Hilfe in der "Standhaft"-Videodokumentation (Anm. 8).
14 Dirksen, Hans-Hermann: "Keine Gnade den Feinden unserer Republik" - Die Verfolgung der Zeugen Jehovas in der SBZ / DDR 1945-1990, Berlin 2001.
15 Gespräch des Verfassers mit Frau Dr. Jacobeit am 16. Januar 2002 in Berlin.

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