28.Jahrgang  |   Nr.111  |   Juni 2002



Käthe Jonas

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Zum 100. Geburtstag von Käthe Jonas

Frau der ersten Stunde

In der Familie war sie Kätchen, ihre Kameradinnen im Zuchthaus und im Konzentrationslager Ravensbrück nannten sie Käthe: Am 2. Juli 2002 wäre die langjährige Vorsitzende der Lagergemeinschaft Ravensbrück, Katharina Jonas, 100 Jahre alt geworden.
Sie war eine Frau der ersten Stunde der Lagergemeinschaft. Als Käthe aus ihrem Beruf als Sachbearbeiterin der Stadt Hanau 1963 ausgeschieden war, begann sie, gemeinsam mit anderen Ravensbrück-Überlebenden die Lagergemeinschaft Ravensbrück in der Bundesrepublik Deutschland aufzubauen. Nach einem ersten Treffen von Überlebenden aus verschiedenen Bundesländern im Mai 1966 konstituierte sich die Lagergemeinschaft am 4. Juni 1966 in Frankfurt am Main und wählte Käthe Jonas zur Vorsitzenden. In Zusammenarbeit mit anderen Kameradinnen und mit Unterstützung der Landesverbände der VVN trug sie nach und nach die Anschriften von Überlebenden des Konzentrationslagers Ravensbrück und anderer Frauenlager zusammen.
Als Vertreterin der Bundesrepublik Deutschland nahm Käthe regelmäßig an den Tagungen des Internationalen Ravensbrück-Komitees teil. Sie war Vorsitzende der Lagergemeinschaft bis 1974. Aus familiären Gründen musste sie ihre Aktivitäten mehr und mehr einschränken. Ihr Ehemann war zu einem Pflegefall geworden. Käthe betreute ihn bis zu seinem Tod im Jahre 1974.
Der Lagergemeinschaft blieb sie weiterhin eng verbunden. Schwer krank nahm sie noch Ende November 1976 an der Tagung des Internationalen Ravensbrück-Komitees in Raunheim bei Frankfurt am Main teil. Käthe starb am 25. Januar 1977 in Essen.
Ravensbrück konnte sie nie vergessen. Die Erinnerungen an die Grausamkeiten im Lager verfolgten sie bis an ihr Lebensende. Ebenso wenig hat sie jemals den Verlust ihres Sohnes überwunden, den sie dem Naziregime opfern musste.
Geboren wurde Käthe Seng am 12. Juli 1902 in Dörnigheim am Main, einer ländlich geprägten Gemeinde zwischen Hanau und Frankfurt am Main. Sie war das vierte von sechs Kindern einer Arbeiterfamilie. Nach dem Abschluss der achtjährigen Volksschule begann sie im Alter von 14 Jahren als Arbeiterin in einer Munitionsfabrik in Frankfurt-Fechenheim zu arbeiten. Für eine Ausbildung reichte das Geld ihrer Familie nicht aus.
1921 heiratete Käthe. Ihr Mann, Peter Jonas, war von Beruf Maler und Anstreicher. 1922 wurde ihr Sohn Friedrich geboren. Schon nach wenigen Ehejahren konnte Peter Jonas seinen Beruf nicht mehr ausüben. Er litt an der Bechterewschen Krankheit, die in einem schleichenden Prozess über Jahre hinweg zu Lähmungen am ganzen Körper führte. Nach einigen Jahren bitterer Not gelang es Käthe gemeinsam mit ihrem Mann, auf einem Grundstück ihres Vaters eine Versuchstierzucht und eine Hühnerfarm aufzubauen. Hierdurch kam die Familie zu einem bescheidenen Einkommen.
Zu den Wahlen im März 1933 kandidierte Käthe auf der Liste der KPD für den Kreistag in Hanau und für die Gemeindevertretung in Dörnigheim. Dies war der Anlass für ihre erste Verhaftung. Sie wurde über die März-Wahlen hinweg vier Wochen lang im Gefängnis Frankfurt-Preungesheim festgehalten.
1935 wurde Käthe zusammen mit 88 Bürgerinnen und Bürgern aus der Stadt und dem Kreis Hanau wegen Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt. Hauptpunkt der Anklage war die Verbreitung illegaler Schriften. Käthe wurde zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Unter den Verurteilten waren auch Käthes Mann, Peter Jonas, ihr Vater Karl Seng und ihre beiden Brüder, Adam und Karl Seng. Käthe musste die Strafe in den Strafanstalten Ziegenhain, Aichach und Laufen verbüßen.
Ihr Bruder Karl wurde nach Verbüßung seiner zweieinhalbjährigen Zuchthausstrafe nicht nach Hause entlassen, sondern in das KZ Buchenwald gebracht. Während des Krieges steckte man ihn in das berüchtigte Bewährungsbataillon 999.
Käthe wurde 1938 aus dem Zuchthaus entlassen. Damals verblüffte sie ihre Familie mit dem festen Vorsatz, ein zweites Kind zu haben. Ihre Tochter Rosel, heute Vorsitzende der LGR/F, wurde 1940 geboren.
Unmittelbar nach dem Attentat auf Hitler im Juli 1944 wurde Käthe erneut verhaftet und in das Frauen-KZ Ravensbrück gebracht. Die Befreiung erlebte sie auf dem Todesmarsch.
Die Festnahmen bedeuteten für Käthe stets die Trennung von ihren Kindern. 1933, bei der ersten Verhaftung, war ihr Sohn elf Jahre alt. Als sie 1944 nach Ravensbrück gebracht wurde, blieb ihre dreijährige Tochter zurück. Ihr Sohn war damals schon als Soldat der Wehrmacht an der Ostfront vermisst.
Nach Kriegsende gehörte Käthe zu den Ersten, die trotz materiell unsicherer Situation das Gemeinwesen in Dörnigheim wiederaufbauten. Bis zum Verbot der KPD war sie Mitglied der Gemeindevertretung. Dem Vermächtnis der Opfer des Naziregimes und den sozialen Belangen der Verfolgten widmete Käthe einen großen Teil ihrer Zeit und ihrer Kraft. Käthe gründete die VVN im Kreis Hanau mit. Sie gehörte dem Kreisvorstand der VVN Hanau und dem Landesvorstand der VVN Hessen an. Zu dem Wiederaufbau der Tierzucht, der ihr 1938 gelungen war, war Käthe nach den langen Haftjahren nun körperlich nicht mehr in der Lage.
1946 fand Käthe eine Anstellung als Sachbearbeiterin in der Betreuungsstelle für politisch, rassisch und religiös Verfolgte des Landkreises Hanau. Diese Dienststelle wurde jedoch schon im Jahre 1952 aufgelöst. Nach zähen Auseinandersetzungen schaffte es Käthe, von der Stadt Hanau als Angestellte übernommen zu werden. Sie musste sich jetzt als Sachbearbeiterin in ein ihr völlig fremdes Arbeitsgebiet beim Bauamt der Stadt einarbeiten. Käthe war auf diesen Arbeitsplatz dringend angewiesen, denn es gab für sie keine Alternative. Die Rente ihres Mannes reichte nicht aus, um eine Person zu ernähren, geschweige denn eine dreiköpfige Familie.
Es wirft ein besonderes Licht auf die politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland in den 60er Jahren, dass zeitgleich zum Aufbau der Lagergemeinschaft die Staatsanwaltschaft erneut gegen Käthe ermittelte. Dieses Mal wegen "staatsabträglicher Verbindungsaufnahme". Das Verfahren wurde später ohne Angabe von Gründen eingestellt.
Die LGR/F behält Käthe in ehrendem Gedenken.

mh

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